Kleine Alltagsflucht in den Kottenforst

Buchenbaum

Grün, grün, grün sind alle meine Farben

Wir müssen einfach mal wieder raus. Und weil es bis zum langen Sommerurlaub noch eine gefühlte Ewigkeit zu sein scheint, entscheiden wir uns für den Kurzurlaub vor der Haustür. Es geht in den Naturpark Kottenforst.

Adieu Alltagsstress

Kennt ihr das? Die Woche war stressig, Papierkram ist liegen geblieben, der Wochenend-Großeinkauf steht noch aus, und in Haus und Garten (alternativ auch Wohnung, nicht dass ihr denkt, ihr seid aus der Sache raus :)) müsste auch eine Menge gemacht werden. Trotzdem ist da dieses Kitzeln … liegt’s an der zarten Sonne, an den grauen Häusern rund um uns herum? Ganz gleich, was es ist: Wir müssen raus. Alles schreit nach einem Kurzurlaub-Trip. Dabei liegt die Betonung leider auf „kurz“ (siehe die ersten Zeilen im Text), und vor der Haustür sollte unsere Alltagsflucht auch liegen.

Hin und rein – ins grüne Vergnügen

Zugegeben, aufregend klingt das nicht gerade, aber für etwas Nervenkitzel sorgen wir wenigstens noch selbst. Denn das Ziel unserer Naturtour überlassen wir ein bisschen dem Zufall. Drei Zettel mit Ausflugszielen vor der Haustür in die Hände, Hände hinter den Rücken … and the winner is: der Kottenforst im Naturpark Rheinland. Ohne Losentscheidung wäre das vielleicht nicht unsere erste Wahl gewesen, aber wir freuen uns. Auch, weil wir in den Kottenforst prima mit dem Zug kommen. Unser Auto ist nämlich aktuell in der Werkstatt (noch so ein Punkt, der gut in die ersten Zeilen des Textes passt). Bevor der Tag noch mehr Sonnenstunden verliert, packen wir das Nötigste für ein paar Stunden draußen, machen uns auf den Weg zum Bahnhof und klettern in den vareo-zug, der uns zum Bahnhof Meckenheim bringt. Von dort noch für ein kurzes Stück den Bus bis Villiprott (klingt der Name nicht schon wie die Fortsetzung vom „Kleinen Hobbit“?) und hinein ins grüne Waldvergnügen.

Wald satt

Und Wald gibt’s hier wirklich eine ganze Menge. Denn der Kottenforst ist nicht nur sehr, sehr alt (in den 70er Jahren hat er seinen 1.000-jährigen Geburtstag gefeiert), sondern auch groß – über 40 km2 – und gehört zum Naturpark Rheinland. Das Tolle an so einem Naturpark ist: Es gibt keine Zäune, keine Eingangstore, darum Öffnungszeiten rund um die Uhr, und der Besuch ist zu 100 % kostenfrei. Das alles direkt vor den Toren der Städte Bonn und Köln. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum wir nicht die Einzigen sind, die sich an diesem schönen Tag für eine Runde Grün entschieden haben. Alles ist vertreten: Spazierer und Flanierer, Leute, die ihre Hunde lüften, Jogger, Reiter und nicht wenige Radfahrer und Inline-Skater. Wir haben uns eine 12-Kilometer-Tour ausgesucht, die am Forsthaus Schönwaldhaus startet – und, wenn wir uns nicht verlaufen, hier auch wieder enden soll. Schon zu kurfürstlichen Zeiten stand hier eine Försterei, und auch wenn das ursprüngliche Gebäude längst abgerissen wurde, hat das heutige Forstdienstgebäude, wie es offiziell heißt, auch schon an die 120 Jahre auf dem Buckel und liegt sehr malerisch am Waldrand. Für uns wieder die ideale Gelegenheit für Tagträume wie „Wäre es nicht toll, hier zu leben?“ und „Warum bin ich nicht Förster geworden?“.

Kurfürstliches Vergnügen

Der gesamte Kottenforst wird von Wegen durchzogen, die von oben betrachtet wie ein Spinnennetz über dem Waldgebiet liegen. Viele Wege im Kottenforst sind schnurgerade und asphaltiert. Das liegt daran, dass das angelegte Wegenetz zum größten Teil historisch ist und in früheren Zeiten eher dazu diente, auf dem kürzesten Weg von A nach B zu führen, als sich schön gewunden durch den Wald zu schlängeln. Und breit mussten die Wege sein. Regelrechte Schneisen, damit sie genügend Platz für das kurfürstliche Jagdvergnügen boten. Die Parforcejagd (das musste ich auch googeln) war hier vor rund 200 Jahren richtig angesagt. Dabei trieb eine Hundemeute das Wild unermüdlich vor sich her, bis es zu erschöpft war, um den nachfolgenden Jägern auf ihren Pferden noch viel Gegenwehr leisten zu können. Traurig für Rehe und Hirsche, anstrengend für Ross und Reiter. Deshalb gab es sogenannte Relaisstationen, die dem Pferdewechsel dienten. Und ich vermute, dass hier nicht nur die Pferde Erfrischung fanden.

Wie im Märchen

Das alte Jägerhäuschen, das sich auch gut bei „Hänsel & Gretel“ als solides Hexenhäuschen machen würde und an dem uns unser Weg vorbeiführt, ist eine solche Pferdewechselstation. Es steht unter Denkmalschutz, und in der Nähe gibt es eine Menge beeindruckender Einzelbäume zu bewundern. Mächtige Eichen, Lärchen und Lebensbäume, die in ihrem Leben bestimmt schon so manches Jagdvergnügen gesehen haben. Wie die „Dicke Eiche“. Sie soll die dickste und älteste Eiche im ganzen Kottenforst gewesen sein. Über 28 Meter hoch, stand sie tapfer über 300 Jahre aufrecht, bevor sie in einem Winter vor ein paar Jahren unter ihrer Schneelast zusammengebrochen ist. Jetzt liegt sie leicht aufgebockt am Wegesrand (damit ihr Holz nicht zu schnell verrottet) und kann sich damit trösten, dass sie den Status eines Naturdenkmals erhalten hat. Es gibt aber auch noch mächtige Eichen, die stehen, weiter in die Höhe wachsen und schon mit ihren Namen klar machen, dass sie etwas Besonderes sind: die „Kaisereiche“ oder die „Prinz-Friedrich-Eiche“.

Zurück ins Mittelalter

Jetzt lassen wir die Solitärbäume aber links und rechts liegen, wir wollen Strecke machen. Weil die Wege im Kottenforst meist wie mit dem Lineal gezogen sind, geht’s oft schnurgerade geradeaus, dann kommt ein kleiner Knick, weiter geradeaus, bis zur nächsten Gabelung, und ihr könnt es euch schon denken: wieder geradeaus. Jetzt ein Pferd, keine schlechte Idee – aber keine Angst, der Weg bleibt nicht auf der ganzen Strecke so. Je mehr wir uns warmgelaufen haben, umso mehr geht’s auch sanft auf und ab, am Ringwall Venne vorbei (hier braucht man sehr, sehr viel Fantasie, um sich die Fliehburg aus dem frühen Mittelalter vorzustellen) und auf schmaleren Wegen durch den Wald. Allerdings ist es nicht verkehrt, sich den Weg vorher mal auf einer Karte oder im Internet anzugucken. Denn bis wir unser Forsthaus, an dem wir gestartet sind, hinter idyllischen Streuobstwiesen wieder entdecken, sind wir an so mancher Weggabelung unschlüssig – einfach weil es so viele von ihnen gibt.

Auf der Rückfahrt im Zug sind wir angenehm müde und erschöpft, haben viel Sonne, Grün und Aussicht getankt und so manches über Kurfürsten, historische Jagden und heimische Wälder gelernt. Wir sind uns einig, wir müssen noch mal in den Kottenforst. Dann aber mit dem Rad. Denn die meisten der breiten, geraden Wege sind super für eine Radtour geeignet. Weiterer Vorteil: Wir kommen ein ganzes Stück weiter als heute und hätten es dann auch noch zum Wald-Bahnhof Kottenforst geschafft. Schon ein Bahnhof, aber noch viel mehr ein eindrucksvolles Prunk-Fachwerk mit Gleisanschluss und einem tollen Gasthaus und Biergarten. Und ganz oben auf unserer Ausflugs-Wunschliste.

Weitere Informationen zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Man muss das Leben tanzen! (Nietzsche)