Overather Pilgerweg statt Familien-Overkill

Overather Pilgerweg

Für einen entspannten Spaziergang auf dem Overather Pilgerweg muss man kein Pilger und auch nicht besonders religiös sein – nach Overath zu fahren, reicht. Und auf den rund 9 Kilometern rund um das Städtchen lernt man auch als Kölner die Schönheit des Bergischen Landes kennen und bekommt die richtige Dosis Entspannung nach einer stressigen Woche.

Meine Freundin kommt aus dem Bergischen Land. So weit, so gut, tut Heidi Klum auch, ähnlich sehen sich die beiden trotzdem nicht. Inzwischen wohnt meine Freundin schon fast länger in Köln, als sie im Bergischen verbracht hat. Hin und wieder besucht sie natürlich ihre Familie, und auch das ist eigentlich kein großes Problem, solange ich nicht mitfahren muss. Aber manchmal ist auch das unausweichlich. Wie an diesem Wochenende im April. Da hieß es auch für mich: Ab zur Overather Oma, denn die feiert ihren 90. Geburtstag.

Zugegeben, das Bergische Land ist bei Kölnern nicht gerade als „place to be“ bekannt, und die seltenen Besuche bei der Familie meiner Freundin konnten mich bisher auch nicht vom Gegenteil überzeugen. Bis zum letzten Mal. Nach einer ziemlich stressigen Woche im Job wollte ich eigentlich nichts mehr, als das Wochenende mit Arbeit, Netflix und meiner Freundin auf dem Sofa zu verbringen. Aber Oma Änne aus Overath wurde 90 und hatte damit die schlagkräftigeren Argumente auf ihrer Seite. Nicht, dass das falsch ankommt: Ich mag die Familie meiner Freundin. Sehr sogar, aber … man kennt das.

Nach Overath am besten per Zug

Nach Overath nehmen wir aus der Kölner Innenstadt eigentlich immer den Zug. Das ist am unkompliziertesten, geht schnell, kostet nicht viel, und jedem, der den Weg auch machen muss, würde ich das empfehlen. Die Familie meiner Freundin wohnt nicht weit entfernt vom Overather Bahnhof, und so kommen wir ziemlich unkompliziert ans Ziel. Anreise ist Freitag, die Rückreise für Sonntag geplant. Dazwischen bin ich schon auf endlose Stunden auf dem elterlichen Sofa und dröge Nachmittagsstunden vorbereitet, doch es kommt anders. Als ich am Samstagmorgen mit der Familie am Frühstückstisch sitze und offenbar etwas mutlos vor mich hinstarre, schlägt mir die Mutter meiner Freundin vor, den Morgen doch zu nutzen und mit dem Familienhund einen kleinen Spaziergang zu machen, während sie sich gemeinsam um die Vorbereitung der Feier kümmern. Warum nicht, denke ich. Die ganze Woche im Büro und vor dem Bildschirm – da kann ein bisschen frische Luft nicht schaden.

Ein kleiner Wanderweg ist schnell gegoogelt – der Overather Pilgerweg. Vom Namen lasse ich mich nicht abschrecken. Mich überzeugt die überschaubare Länge von rund 9 Kilometern, dass es ein Rundweg ist und Start und Ziel am Overather Bahnhof liegen. Schuhe, Jacke und Rucksack mit ein bisschen Verpflegung packen ist das eine; Leika, die freundliche spanische Promenadenmischung anzuleinen, das andere. Der Tag beginnt klar und lau, Regen ist nicht zu erwarten, und schon nach wenigen Minuten finde ich mich auf dem Wanderweg in Richtung Ortsrand wieder. Ich erwarte nicht allzu viel von meinem Ausflug, und allein die Aussicht auf zwei, drei Stündchen geschundene Zeit und der freudig wedelnde Hund stimmen mich fröhlich.

Sieben Fußfälle und eine Wallfahrtskirche

Ich folge den roten Markierungen mit der Beschreibung „16 – Overather Pilgerweg“, die mich den ganzen Weg stets gut sichtbar begleiten. Schon bald komme ich an die Agger, ein kleines Flüsschen, das sich beschaulich durch das Bergische Land schlängelt. Leika ist motiviert und zieht forsch an der Leine, als wir auf einer Fußgängerbrücke die Agger überqueren. Am anderen Ufer geht’s zunächst bergauf und dann auf einen kleinen Waldweg, der weiter bergan führt. Hier stoße ich auf eine kleine steinerne Säule, die mich irgendwie an die Stationen eines Kreuzweges in meiner Heimat erinnert. In der Tat erklärt mir die nahe Tafel, dass es sich um einen sogenannten Fußfall handelt. Der wurde von Overather Bürgern im 18. Jahrhundert anlässlich einer Epidemie gestiftet und ist Teil eines Kreuzweges rund um Overath. Auf dem weiteren Weg bis Marialinden komme ich an insgesamt sieben solcher Säulen und Tafeln vorbei. Ich nehme mir jedes Mal die Zeit und lese, was sie mir zu erzählen haben. Ich habe ja Zeit. Leika ringen die Fußfälle nicht mehr als ein interessiertes Schnuppern ab, und auf dem folgenden Waldweg lasse ich sie zum Flitzen von der Leine.

Ich komme gut in Tritt, finde mein Wandertempo und langsam wirklichen Gefallen an meinem ausgedehnten Samstagsspaziergang. Weiter geht es über Weißenstein bis nach Marialinden. Hier, mitten im Ort und schon von Weitem gut zu erkennen, steht die Wallfahrtskirche St. Mariä Heimsuchung. Ein schneller Blick auf mein Smartphone sagt mir, dass es sich um eine dreischiffige gotische Hallenkirche handelt und sich auch ein Blick ins Innere lohnt. Da ich aber Leika nur ungern alleine draußen lassen möchte, entschließe ich mich zu einer Rast an der Kirche und mache mich unweit auf einer Bank über meine Verpflegung her. Auch Leika bekommt ihren Teil, und gemeinsam halten wir unsere Nasen in die kräftige Frühlingssonne.

Das Beste kommt zum Schluss

Hinter Marialinden beginnt ein schmaler Weg, der mich durch ein kleines, malerisches Bachtal führt, dem ich bis Vilshoven folge. Mittlerweile habe ich den Stress der Woche und den Unmut über das Wochenende hinter mir gelassen und freue mich sogar, dass es alles so gekommen ist, wie es ist. Auch Leika genießt den langen Spaziergang sichtlich, scharwenzelt durch Büsche und Gehölz, und wir wandern einträchtig bis Vilshoven, wo ich in bester Laune das Landgasthaus Sonne erreiche. Kurz entschlossen setze ich mich, um einen Kaffee zu trinken, und für Leika gibt es ein Schälchen Wasser. Gestärkt und bester Laune geht es zurück in den Wald und hier weiter bergab unter großen Buchen hindurch, vorbei an den Örtchen Schiefenthal und Wasser und schließlich hinunter ins Aggertal. Hier wird es richtig idyllisch. Immer weiter führt mich der Weg entlang der Agger, bis wir schließlich nach etwa zweieinhalb Stunden wieder das Overather Zentrum und den Bahnhof erreichen. Geschafft, aber glücklich kehre ich mit meiner treuen Fellnase zurück zu den Eltern meiner Freundin und genieße den restlichen Aufenthalt ganz entspannt. Die Feier wird besser als gedacht – wie so oft, wenn man wenig erwartet –, und Oma Änne kann mir sogar noch ein, zwei Geschichten zum Kreuzweg erzählen, den sie als Kind schon mit ihren Eltern gegangen ist. Und was soll ich sagen: Nächstes Wochenende fahren wir wieder nach Overath. Ich möchte meiner Freundin den Wanderweg zeigen – denn sie ist ihn noch nie gegangen – und Leika habe ich versprochen, dass wir bald wieder spazieren gehen. Sie freut sich schon.

Weitere Informationen zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Leidenschaftlicher Inputsammler mit ausgeprägten Chillqualitäten