Einmal um die Welt an einem Tag: das Rautenstrauch-Joest-Museum

Fassade des Rautenstrauch Joest Museums

Zugegeben, namenstechnisch ein echter Zungenbrecher. Aber hinter diesem sperrigen Namenskonstrukt verbirgt sich eines der spannendsten völkerkundlichen Museen – mitten in der City von Köln und in einem Museumskomplex, der allein schon wegen seiner Architektur einen Besuch lohnt.

Mein Patenkind kommt zu Besuch. Nicht gerade vom Land, aber doch aus der Provinz. Ein Pluspunkt für ihren Tag in Köln ist auf jeden Fall schon mal die Anreise. Denn die funktioniert erfreulicherweise ohne ihre Eltern (elternfreie Zeit ist im Moment sehr wichtig für sie), dafür aber mit dem vareo-Zug bis zum Kölner Hauptbahnhof. Das klappt auch alles prima, und ich hole sie am Bahnhof wie verabredet ab.

Mit ihren 12 Jahren stellt sich mein Patenkind unter einem tollen Tag in Köln vor allem ausgedehntes Shopping vor, einen nicht zu gesunden Mittagssnack, gefolgt von Shopping Teil 2, und einen Kinobesuch am Abend. Damit wäre der Tag zwar ausgefüllt, aber ich spüre doch einen Hauch von Erziehungsauftrag in mir aufkeimen. Ohne ihr jetzt gleich in die Tagesplanung hineingrätschen zu wollen, versuche ich, einen Kompromiss aus ihrer und meiner Vorstellung von unserem Kölntag hinzukriegen. Und das funktioniert erstaunlich gut, obwohl in meinem Vorschlag das Wort „Museum“ auftaucht. Aber ein Museumsbesuch eingebettet in Shopping vorher und Kino im Anschluss scheint in Ordnung zu sein. Oder „extremst erträglich“, wie mein Patenkind es ausdrückt.

Wir einigen uns also zuerst auf einen entspannten Shopping-Bummel und wollen anschließend ins Rautenstrauch-Joest-Museum am Neumarkt. Es liegt mitten in der Kölner Innenstadt, gleich neben den Haupteinkaufsmeilen der Fußgängerzone … und ich wollte schon immer mal hin, habe es bis jetzt aber noch nicht geschafft.

Und tatsächlich, einige Shops und Läden später stehen wir vor dem RJM (schreibt sich definitiv schneller als das volle Namenskonstrukt) und sind schon von dem modernen Gebäude selbst begeistert. Erst 2010 ist das RJM aus der Kölner Südstadt (wo es knapp über 100 Jahre residierte) in dieses neu errichtete Kulturquartier gezogen, wo es jetzt das Museum Schnütgen (Kunst des Mittelalters) und die Volkshochschule als direkte Nachbarn hat.

Gleich im Foyer des Museums werden wir von einem überwältigenden Anblick begrüßt: Wir stehen vor einem mehr als 11 m langen und über 7 m hohen indonesischen Reisspeicher. Ein überwältigender Anblick. Der Pfahlbau aus Holz, Bambus und Rotang ist mit prächtigen Schnitzereien verziert und auf jeden Fall das größte Exponat der Museumssammlung. Gleichzeitig ist er auch das Wahrzeichen des Museums.

Meine Sorge, dass der Museumsbesuch langweilig werden würde und ich im „Tanten-Ranking“ direkt ein paar Plätze tiefer rutsche, bestätigt sich zum Glück überhaupt nicht. Denn ehrlich, ich hatte ein bisschen Angst. Besuche in gewöhnlichen Völkerkundemuseen können nämlich ganz schön ermüdend sein. Man schleppt sich an der x-tausendsten Glasvitrine vorbei, verzweifelt an den schwer verständlichen Erklärtexten auf Infot-Tafeln, und die Kulturen dieser Welt werden erdteilmäßig nacheinander abgefeiert. Im RJM ist das vollkommen anders.

Die Ausstellung lädt zu einer wirklichen Entdeckungsreise ein. Statt einer geografischen Einteilung macht sie mit übergreifenden Themen deutlich, dass viele Rituale oder Lebensweisen Menschen auf der ganzen Welt beschäftigen. Natürlich je nach Region oder Religion ganz unterschiedlich, aber im Kern doch Menschenanliegen, die uns alle angehen. Das gefällt auch meinem Patenkind. Denn so werden Vergleiche zwischen den verschiedenen Kulturen viel greifbarer. Und sie hat recht, wenn sie sagt, dass wir alle auf ein- und derselben Welt leben und unsere Sichtweise hier aus Mitteleuropa nur eine kleine unter vielen ist.

Vielleicht ist das bei ihr auch so präsent, weil eine ihrer besten Freundinnen ursprünglich aus Äthiopien kommt und sie bei ihr zu Hause schon so viele warmherzige und gastfreundliche Erlebnisse hatte und sogar einmal bei einer Kaffeezeremonie dabei war. Dadurch ist ihr schon länger bewusst, dass alle Kulturen dieser Welt eigentlich gleichberechtigt sein sollten.

Wir schaffen gar nicht den gesamten Themenparcours „Der Mensch in seinen Welten“, weil wir immer wieder total fasziniert an vielen Ecken des Museums „hängenbleiben“. Ob beim Tipi der Plains-Indianer aus Nordamerika, die ganze Großfamilien in so einem Zelt unterbrachten, oder bei den Klangexperimenten, die wir mit dem über 100-jährigen Gamelan-Orchester aus Java erleben. Dabei merken wir gar nicht, wie die Zeit verfliegt. Ein Übriges trägt dazu die moderne Ausstellungstechnik bei. Für 12-Jährige genau das Richtige, denn bei denen scheint ja der Umgang mit Tablets, Smartphones und Co. schon in den Genen angelegt zu sein. So kann man sich im RJM bei vielen Ausstellungsstücken zusätzliche Informationen auf die vorher schwarze Vitrinenrückseite spielen lassen, quasi „info on demand“. Und mit den Licht- und Klanginstallationen sind wir immer wieder mittendrin im Geschehen.

Aber irgendwann können wir nicht mehr und verlegen unseren Kulturenvergleich in den Thai-Imbiss in unserem Viertel. Und was soll ich sagen: Der Glasnudelsalat schlägt die Currywurst um Längen. Dass es dann am Abend doch der Blockbuster aus Hollywood geworden ist und nicht auch noch ein Film im Programmkino – geschenkt. Erstens war der Film ganz gut, und zweitens besteht ein Weg ja auch aus vielen kleinen Schritten.

Mehr Informationen zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Richte dein Gesicht immer zur Sonne und die Schatten werden hinter dich fallen. (W.W)