Wow-Effekt im Farbenrausch: die Paulinkirche Trier

Fresko in der Paulinkirche Trier

Barocker Farbenrausch in der Paulinkirche Trier

Wenn in Trier auf einen Schlag alle Römerbauten verschwinden würden, stünden die Touristen hier Schlange: an der barocken Paulinkirche unweit der Porta Nigra. Ein unbedingtes Muss in netter Umgebung!

Ich bin und bleibe Trierer im Herzen. Und auf einer klaren Mission: möglichst viele meiner neuen Freunde und Kollegen davon zu überzeugen, wiiieeee schön es in meiner Heimatstadt ist. Der erste Erfolg war eine Tagestour am letzten Samstag – natürlich mit minutiöser Vorbereitung. Schon im Zug gab’s eine kleine Moselweinprobe, gut gekühlt aus Gläsern mit Karl-Marx-Konterfei. Das erste Erlebnis ist schon die vareo-Fahrt durch die Eifel und das Kylltal. Tatsächlich war keiner meiner Kollegen je per Zug in Trier. Entsprechend neu war auch die Perspektive des Ankommens: kein Parkplatzgekurve, kein Wo-bin-ich-denn-hier. Stattdessen betreten wir die Stadt über den Bahnhofsvorplatz, begegnen netten Migranten auf WLAN-Suche und resümieren kurz, warum Bahnhofsplätze heute den unnachahmlichen Charme haben, den sie eigentlich in fast allen Städten teilen. Der Hipster-Faktor in Trier: das wirklich nette Café Lecca gleich links in der Bahnhofstraße, das zu einem gemütlichen Frühstück einlädt. Danach wähle ich den Weg weiter durch die Bahnhofstraße und leicht rechts durch die Thebäerstraße mit ihren schönen Gründerzeitbauten zum frühen Höhepunkt unseres Trier-Tages: der barocken Paulinkirche, die wir in knapp 10 Minuten erreichen.

 

Überraschung hinter der Kirchentür

Kirche – naja. Barock? OMG. Das war so ziemlich die einhellige Reaktion, als ich mit der Idee kam. Schon beim ersten Anblick der eleganten Paulinkirche mit ihrem hohen schlanken Turm revidieren sich die Urteile allerdings. Ach, ist das schön hier mit dem vielen Grün und dem stillen Viertel drumherum, in dem früher die Stiftsherren lebten. Und auch wenn die schon lange weg sind: Der stimmungsvolle Reiz ist geblieben. Unter den Bäumen auf dem rasengrünen Vorplatz der Kirche zeige ich zuerst das mittelalterliche Kreuz und erzähle, dass hier im 12. Jahrhundert eine große romanische Basilika über dem Grab des Paulinus stand, der im 4. Jahrhundert Bischof von Trier war. Nachdem sie von den Truppen Ludwigs XIV. von Frankreich zerstört worden war, entstand im frühen 18. Jahrhundert der heutige Bau des berühmten Architekten Balthasar Neumann – oder zumindest stark von ihm inspiriert. Wie gesagt: schlicht und elegant und doch majestätisch von außen, was meine Kollegen erst einmal versöhnt und neugierig macht. Die schwere barocke Eichentür lässt uns in den dämmrig-weißen Vorraum unter dem Turm. Ich weise meine Kollegen auf die besondere Einfachheit dieses Raumes hin und rate ihnen, sich vorzustellen, aus welcher Welt die Menschen kamen, die die Kirche im 18. Jahrhundert betreten haben: kein Fernsehen, keine Illustrierten, keine Werbung überall in der Stadt und erst recht kein Tablet. Die Welt war sehr viel bilderloser als heute. So vorbereitet, öffne ich die innere Tür, und das Staunen ist groß: Hell und lichtdurchflutet ist der Kirchenraum, hoch und schlank und weit. Der größte Effekt: Die hohen Wände sind leuchtend weiß, die enorm hohen Fenster klar verglast und geschickt so hinter den Wandpfeilern versteckt, dass alleine das strahlende Licht wirkt. Wie im Theater kommt es von den Seiten und lenkt den Blick nach vorne, wo der gesamte barocke Prunk der Ausstattung auf den gewaltigen goldenen Hochaltar konzentriert ist. Er bildet eine Art Bühnenbild für den theatermäßig inszenierten Altarraum. Meine Kollegen staunen über das prächtige goldene Gitter, das ihn nach vorne abschließt, und das rosafarbene barocke Chorgestühl. Alles ist hier Luxus vom Feinsten. Und die geschnitzten Barockskulpturen im Altar sind knapp 5 m hoch!

 

Köpfe in den Nacken

Erst nach und nach wandern die Blicke nach oben, und die ersten Kollegen entdecken die fliegenden kleinen Engel, von denen einige die Wandpfeiler nur mit einzelnen Fingern berühren. Kunstvoll sind Eisenstangen in ihren Armen versteckt, dank derer die Wesen aus Stuck wie lebendig im Raum umherzufliegen scheinen. Über allem erstreckt sich das gewaltige Deckenfresko mit Hunderten von Figuren. Wir setzen uns in die hinteren Bänke, von hier aus ist der Blick am besten, auch wenn man noch immer steil nach oben blicken muss. In drei großen Deckenfeldern wird hier die blutige Geschichte der Trierer Märtyrer erzählt, die angeblich in der Zeit des römischen Kaisers Diokletian hingemetzelt wurden. Nach und nach entziffern meine Kollegen die schaurigen Einzelheiten: abgeschlagene Köpfe, die aus dem Gewölbe herabzufallen scheinen, Blut, das über das Fresko tropft, oder eine tote Mutter mit ihrem Kind. Im Zentrum erhebt sich das Kreuz, das wir schon draußen gesehen haben, jetzt gemalt als Mittelpunkt der Szene, in der die Märtyrer am Jüngsten Tag auferstehen. Auch die Mutter mit dem Kind ist wieder lebendig. Happy End im 18. Jahrhundert.

 

Das Beste wartet unten

Tatsächlich können sich gerade Tobi und Bärbel, die vorher am skeptischsten waren, kaum von den Fresken losreißen. Wir stehen schon wieder vorne am Altar, als sie noch immer hinten sitzen. Aber ich hab’ noch einen Höhepunkt in petto: Rechts vom Altar führt eine Treppe nach unten. Ich warte, bis alle da sind, und drücke dann den Lichtschalter. Sichtlich beeindruckt schauen alle durch die Glastür in die barocke Krypta mit den reich verzierten Sarkophagen der Heiligen und einer lustig lächelnden Skulptur des Paulinus auf dem Altar in der Mitte. Tobi entdeckt als Erster die Schädel: echte Totenschädel – angeblich von den Märtyrern ­–, die geschmückt in barocken Glaskästen an der Rückwand präsentiert sind. Jetzt fängt die Diskussion an, und die Skepsis kommt zurück – war halt eine komplett andere Zeit. Alles eh Fälschung und so. Heilige, gibt’s das überhaupt? Auch damit kann ich dienen – zumindest fast. Wir steigen wieder in die Kirche hoch und genießen von der Treppe den tollen Blick auf die Barockorgel. Dann geht’s links durch die Seitentür aus der Kirche raus auf den Friedhof und dort hinten rechts zu einer modernen Kapelle – der Weg ist ausgeschildert und leicht zu finden. Wir treten in einen kleinen, intimen Innenhof. Vor einem Grabstein brennen Kerzen, die Stimmung ist meditativ, und durch die weit geöffneten Türen des kleinen Kapellenraums sieht man einen Schrein aus Holz. Hier verehren nicht nur die Trierer die selige Blandine Merten, eine Ordensschwester aus der Region. Selige? Sofort brechen die Diskussionen wieder los, aber in sehr verhaltenem Ton, weil die besondere, stille Atmosphäre des Ortes doch auf alle wirkt.

 

Zum Abschluss: Eis

Um den allgemeinen Konsens wiederherzustellen, schlage ich eine ausgiebige Eispause vor in einer nahen Eisdiele, die im hartnäckigen Ruf steht, eine der besten der Stadt zu sein. Von der Paulinkirche sind es nur ein paar Meter in die belebte Paulinstraße und von dort 3 Minuten nach links zum Eiscafé Rigoni (Paulinstraße 43). Vorher machen wir aber noch einen Stopp im Unverpackt-Laden (Paulinstraße 65). Ja, auch so was gibt es hier in Trier! Die Kölner Kollegen sind beeindruckt vom großen Sortiment und der Idee und den netten Leuten, die so mutig waren, das zu starten. Und dann: Eis. Statt Mittagessen. Geht auch. Den Rest des Tages haben wir mit Genussbummeln durch die Innenstadt verbracht, an allen meinen Lieblingsorten – vor allem in der gemütlichen Neustraße. Aber davon ein anderes Mal.

Mehr Infos zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Leidenschaftlicher Inputsammler mit ausgeprägten Chillqualitäten