Ahrtastisch! Durch die Weinberge bei Walporzheim

Weinberg bei Walporzheim

 

Von Köln oder Bonn aus liegt das Ahrtal tatsächlich fast vor der Haustür. Trotzdem haben wir es bisher fast immer „rechts“ liegen gelassen, wenn wir unterwegs waren. Vielleicht lag das daran, dass das Ahrtal bei mir fest mit Bildern einer Ausflugszeit der späten 70er Jahre verbunden war. Begriffe wie Fremdenzimmer, „draußen nur Kännchen“ oder Seniorengedeck bevölkerten meine Vorstellungswelt. Vollkommen falsch, wie wir bei einem rundum gelungenen Familienausflug festgestellt haben.

 

Hoch hinaus

Hin brachte uns der „rote Blitz“. Der vareo-Zug, in dem schon Freunde mit ihren Kindern saßen (das Beste, um die eigene Brut zum Laufen zu bringen, sind doch immer noch weitere Kinder bei einem Ausflug), entließ uns am Bahnhof Walporzheim. Von dort unten aus sehen die umliegenden Weinberge (und es sind nicht wenige) erschreckend steil aus. Doch unser Weg bergan war dann so abwechslungsreich, dass wir die Steigung nur ganz „nebenbei“ bemerkten. Vorbei an wunderschönen alten Schiefermauern, die die verschiedenen Weinterrassen stützen und trennen, und auf immer schmaler werdenden Pfaden (zum Teil auch mit einem Geländer gesichert), die besonders Kindern Spaß machen, führte uns der Weg zu einem Aussichtspavillon, der ein tolles Panorama auf die umliegenden Weinberge, Wälder und die Doppelstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler bietet. Deutlich ist die imposante Klosteranlage Calvarienberg zu erkennen. Ein riesiger Komplex, zu dem unter anderem auch zwei Schulen gehören.

Und wie wir später erfahren, inzwischen ohne Ordensschwestern. Der wirtschaftliche Aufwand war von den zuletzt nur noch 18 dort lebenden Ursulinen mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren nicht mehr zu leisten. Auch die Kirche wurde im Juni 2017 profanisiert. Das Ende einer Ära.

 

Bunte Kuh

Der Aussichtspavillon ist so einladend, dass wir unsere Rast immer mehr in die Länge ziehen. Sattes Grün auf allen Seiten, eine wärmende Sonne, und die Kinder drängeln auch nicht gerade zum Aufbruch. Denn unterhalb des Pavillons laden die Aschereste einer Feuerstelle, die vor kurzem noch das Herzstück eines zünftigen Grillabends waren, zum Spielen ein (mit dem Vertrauen auf gute Waschmittel). Und die angrenzende Schutzhütte zeigt an einer ihrer Holzwände tatsächlich, wo wir sind: eine bunte Kuh. Hier hübsch gestaltet und in Überlebensgröße – sonst der Name für eine bizarre Felsformation, die weit über das Tal ragt.

Woher der Name stammt, lässt sich nicht wirklich klären. Um die „Bunte Kuh“ ranken sich viele Anekdoten. Einige behaupten, der Name stamme vom Aussehen des Felsens, der einer herabblickenden Kuh gleicht. Andere Quellen erzählen, französische Soldaten hätten einst den guten Ahrwein mit „c’est bon de goût“ gelobt, während die hiesigen Winzer nur „bunte Kuh“ verstanden haben sollen. Wie auch immer sich der Name ableiten lässt, die Aussicht über das Ahrtal ist spektakulär, und die „Bunte Kuh“ lohnt einen Besuch.

 

Gaudí und Hundertwasser lassen grüßen

Nach dem Anstieg bleibt der Weg jetzt angenehmerweise auf der Höhe, und weiter geht’s durch die malerischen Weinberge. Schon von Weitem blitzt ab und zu ein nicht ganz alltägliches Gebäude auf: „Försters Weinterrassen“, ein Ausflugslokal im Familienbetrieb, das zum benachbarten Weingut gehört. „Rechte Winkel“ sucht man hier vergebens, denn der organisch geformte Bau mit seinen begrünten Dächern und Terrassen hat sich die Natur zum Vorbild genommen. Dazu ein bisschen Friedensreich Hundertwasser, ein wenig Antoni Gaudí – das sind die Vorbilder, die hier Pate standen. Mit ihren liebevollen Details und kleinen Besonderheiten in der Architektur lohnen die Weinterrassen auf jeden Fall – und der selbstgebackene Kuchen sowieso.

Eigentlich wollten wir auf unserem weiteren Weg nochmal die Aussicht auf das wunderschöne Ahrtal von weiter oben genießen. Vom EVA-Turm (EVA steht für Eifelverein Ahrweiler), der auf dem Giesemertalskopf steht. Doch der hölzerne Aussichtsturm ist wegen eines Hornissennestes gesperrt. Und nach diesem Hinweisschild hat selbst der abenteuerlustigste unter den Jungs, die mit uns auf Tour sind, keine Ambitionen mehr, das Absperrband zu überklettern.

 

Unter die Erde

Na, wenn es von oben nicht klappt, freuen wir uns eben auf das nächste Highlight am Weg, das diesmal unter der Erde liegt. Nach einer schönen Passage durch den Wald erreichen wir die „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“. Da werden ein Stück Bonner Republik und die Erinnerung an den Kalten Krieg wach. Denn im Ernstfall eines atomaren Angriffs sollten hier bis zu 3.000 Politiker und Amtsträger aus dem benachbarten Bonn in Sicherheit gebracht werden. Hinter atombombensicheren Toren entstand über Jahrzehnte eine unterirdische Welt, die 30 Tage überlebensfähig sein sollte und für lange Zeit strengster Geheimhaltung unterlag. Vor 20 Jahren wurde der Bunker aufgegeben, und seit 2008 ist die unterirdische Welt für Besucher geöffnet. Heute sind noch rund 200 m der ursprünglich über 17,3 Tunnelkilometer offen. Der Rest wurde bis 2006 zurückgebaut.

Als Museum wird die Bunkeranlage vom Heimatverein Alt-Ahrweiler betrieben und ist für Einzelbesucher nur in Verbindung mit einer ca. 1,5-stündigen Führung von April bis November immer mittwochs, an Wochenenden und Feiertagen geöffnet. Es gibt auch spezielle Familienführungen, die kindgerecht konzipiert sind, Themenführungen für Kinder rund ums Thema „Spion“ und sogar die Möglichkeit, einen Kindergeburtstag im Bunker zu feiern. Wir kommen jetzt erstmal wieder ans Licht und freuen uns, dass die Sonne scheint – und wärmt. Denn bei einer Temperatur von ca. 12° Celsius im Bunker sollte man auf keinen Fall eine warme Jacke vergessen.

 

Ice age

Statt Eiszeit unter Tage wollen wir nach dem Gang durch die Weinberge wieder hinab nach Walporzheim lieber eine Eiszeit mit Sonne erleben. Nur eine Bahnstation von Walporzheim entfernt (oder eine gute halbe Stunde zu Fuß) erwartet uns die von einem Wall umschlossene Altstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler – mit ihren zahlreichen Cafés genau die richtige Adresse. Die Auswahl ist riesig, und obwohl wir an einem Sonntag unterwegs sind, laden viele Geschäfte im historischen Kern zu einem kleinen Einkaufsbummel ein. Kein bisschen „Rentnerparadies“ oder „draußen nur Kännchen“. Wir tauchen ein ins muntere Treiben und finden ein nettes Eiscafé mit Spaghettieis und Milchshakes für die Kleinen und Cappuccino und Latte Macchiato für alle, die sich schon groß genug dafür fühlen. Wir sind uns einig: Das Ahrtal (und wir haben ja heute erst ein kleines Stück davon entdeckt) hat mit seinen bizarren Felslandschaften, den sattgrünen Weinbergen und Wiesen und Wäldern eine wirklich abwechslungsreiche Landschaft zu bieten. Und ist für uns definitiv noch den ein oder anderen Ausflug wert

PS: Übrigens: wäre unser Sonntag ein Dienstag gewesen, dann hätte sich in Ahrweiler unsere Anreise mit dem Zug gleich doppelt gelohnt. Denn bei Vorlage eines gültigen ÖPNV-Tickets gibt es einen Rabatt auf eine Stadtführung der Tourist-Information durch das historische Städtchen. Und auch an den anderen Wochentagen kann man im Ahrtal noch bis Ende Oktober 2017 bei Weinproben, Führungen und Events sparen. Schaut mal selbst.

Mehr Informationen zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

 

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Wenn wir immer mehr über immer weniger wissen, wissen wir dann bald alles von nichts?