Früher war alles besser? Ein Besuch im Freilichtmuseum Kommern.

Reetgedecktes Haus im Freilichtmuseum Kommern

 

Der Alltag drückt ein bisschen, und wir haben vor, ihm für einen Tag einfach den Rücken zu kehren. Wir wollen raus, aber nicht nur einfach raus. So ein richtiges Eierlegendes-Wollmilchsau-Ausflugsziel suchen wir. Eines, das tolle Natur, schöne Architektur, ein bisschen was zum Lernen und am allerbesten auch noch nette Einkehrmöglichkeiten zu bieten hat. Falls ihr auch auf der Suche nach so einem Ziel seid, dann könnt ihr jetzt aufhören, zu suchen. Wir haben es gefunden: das Freilichtmuseum Kommern.

Hin geht’s mit dem vareo-Zug bis zum Bahnhof Mechernich und von dort mit dem Bus (Achtung, das ist ein Bedarfsbus, der von Mo–Fr fährt und bei dem man den Fahrtwunsch mindestens 1 Stunde vor der fahrplanmäßigen Zeit anmelden muss) bis zum Museum. Und schon sind wir da, also fast da. Denn die letzten Meter bis zum Eingang sind sehr steil und bringen uns auf einem Serpentinenweg doch ins Schwitzen. Für alle, denen dieses Wegstück zu anstrengend ist, gibt es aber einen museumseigenen Fahrdienst, der über eine Ruftaste im Glashäuschen beim Museumsservice angefordert werden kann.

 

Auf zur Zeitreise

Mit dem kleinen Museumsführer, den es zur Eintrittskarte dazu gibt, und der Übersichtskarte am Eingang zum Museumsgelände können wir uns fürs Erste ganz gut orientieren – und stellen fest, dass man für den Besuch des weitläufigen Areals tatsächlich ein bisschen Zeit mitbringen sollte. Es gibt Rundwege zwischen 1 und 2,5 km Länge, die zu den historischen Gebäuden der einzelnen Baugruppen führen. Für unseren Überblick haben wir ungefähr 2,5 Stunden gebraucht. Dazu kamen noch ein Besuch auf dem »Marktplatz Rheinland« und zwischendrin natürlich die ein oder andere Picknick-Pause (es gibt schöne Rastmöglichkeiten).

Im Freilichtmuseum Kommern ist auf fast 100 ha Fläche eine vergangene Welt zu neuem Leben erweckt worden. Die Häuser und Gebäude wurden an ihren Ursprungsstandorten entweder Stein für Stein abgebaut und im Freilichtmuseum wieder zusammengesetzt oder sind in wenigen Einzelteilen, zum Teil sogar komplett, auf Tiefladern nach Kommern transportiert worden. Und die ältesten der Bauwerke sind wirklich sehr alt, sie stammen aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert.

Zusammengefasst sind die einzelnen Häuser und Höfe nach ihrer Herkunft zu kleinen Siedlungen in regionalen Gruppen: So geht’s in den Westerwald, die Eifel und Voreifel, an den Niederrhein und ins Bergische Land. Die einzelnen Dörfer sind durch Spazierwege verbunden, auf denen man auch gut mit Kinderwagen oder Rollatoren zurechtkommt. Und überall im Museumsgelände laufen uns auch Tiere über den Weg. Denn hier erfährt man nicht nur, wie die Menschen früher gewohnt und gearbeitet haben, sondern genauso, welche Tiere zu einem Bauernhof dazugehörten. Wir entdecken Kühe, Pferde, einen Esel, Hühner, Gänse, Schafe und Schweine. Aber bestimmt gibt es noch mehr 🙂

 

Lehrreich und lecker

Bevor wir auf unserem Rundgang die erste Baugruppe »Westerwald/Mittelrhein« erreichen, kommen wir ganz nach dem Geschmack der Kinder nicht nur an einem Spielplatz vorbei, sondern auch direkt an unserer ersten »Verpflegungsstation«. Der originalgetreu rekonstruierte holländische Nougatwagen (sieht aus wie ein historischer Zirkuswagen mit Verkaufstheke) präsentiert in seiner Auslage Brot und Leckereien, die aus dem Ofen des museumseigenen Backhauses stammen. Klar, dass wir erst einmal eine Tüte süße Brötchen und ein halbes Steinofenbrot mitnehmen müssen, denn bei so etwas wird der eigens mitgeschleppte Proviant schnell uninteressant.

Gut gestärkt und noch besserer Dinge erkunden wir die ersten Höfe und Bauernhäuser. Ganz wichtig dabei: »Kopf einziehen« nicht vergessen. Denn die Türen sind oft niedrig, im Inneren gibt es immer wieder Balken, und in den meisten Gebäuden ist es wegen der sehr kleinen Fenster schummrig-dunkel. Elektrisches Licht wird nur dort eingesetzt, wo besondere Ausstellungsstücke, Techniken oder Werkzeuge präsentiert werden. So bekommt man ganz unmittelbar einen guten Eindruck, in welchem Dämmerlicht die Menschen damals gelebt haben. Da hatte eine flackernde Kerze einen anderen Stellenwert als heute bei uns, wo man sie vor allem verwendet, um für eine »hyggelige« Atmosphäre zu sorgen.

Fatal: Kaum haben wir die süßen Brötchen verputzt, wartet schon das nächste Einkaufserlebnis auf uns. Im rekonstruierten Tante-Emma-Laden mit schönen emaillierten Werbeschildern gibt es tolle Sachen, die eigentlich auch nicht mehr in unseren Rucksack passen. Trotzdem kommen wir auch hier wieder nicht ohne »Beute« raus: Kernseife und Bonbon-Ketten und -Armbänder für alle Kinder. So süß gestimmt, gehen alle trotz Wochenende jetzt auch gerne in die Schule. Der rekonstruierte Schulraum befindet sich in den Räumen der ehemaligen Lehrerwohnung. Und hier ist es angenehm warm. Denn wenn der Ofen in der darunter liegenden Backstube in Betrieb ist, wird automatisch der darüber liegende Klassenraum geheizt. Sonst war das Schulleben aber wohl eher kein Vergnügen. Hier herrschten Zucht und Ordnung, und der Unterricht kam ausschließlich von vorn.

Langsam wird uns klar, dass wir bei dem Tempo, das wir bisher an den Tag gelegt haben, entweder noch morgen im Museum unterwegs sein werden oder wir uns wohl leider beschränken müssen. Wir stimmen ab, was bei unserem Rundgang unbedingt noch dabei sein soll – und entscheiden uns für einen Sprung ins 20. Jahrhundert. Auf dem Areal des »Marktplatz Rheinland« klingen das Fertighaus aus dem Katalog von 1965 interessant und die verschiedensten Arten der Unterbringung von Ausgebombten, Vertriebenen und Flüchtlingen nach Ende des II. Weltkrieges.

 

Traum aus dem Versandhauskatalog

Der »Marktplatz Rheinland« widmet sich der Zeit von 1945 bis ungefähr zum Ende des 20. Jahrhunderts und versucht, das Alltagsleben und die bauliche Entwicklung in dörflichen Regionen des Rheinlandes abzubilden. Nach und nach soll hier ein ganzes Dorf entstehen. Einiges ist schon realisiert, anderes befindet sich noch im Aufbau. Der Bogen reicht von der Notunterkunft bis zum vergleichsweise luxuriösen Bungalow, von der Dorfgaststätte bis zum Fertighaus.

Translozierung, so nennt sich der Vorgang der Gebäudeversetzung in der Fachsprache, wenn erhaltungswürdige Gebäude am Originalort abgebaut, in Einzelteilen (manchmal sehr wenigen) oder auch im Ganzen transportiert und möglichst originaltreu am neuen Ort wieder aufgebaut werden. Und in diesem Fall ist ein Fertighaus aufgrund seiner Bauweise eine der leichteren Übungen – und doch wieder nicht so ganz. Denn das Fertighaus wurde in einem nächtlichen Transport, für den bis zu drei Autobahnfahrstreifen gesperrt werden mussten, als erstes Gebäude in seiner Gänze von einem speziellen Tieflader auf den »Marktplatz« versetzt.

Im »Neubauviertel« am Rande des Marktplatzes wartet das Quelle-Fertighaus auf unseren Besuch. Im Versandhauskatalog Herbst/Winter 1962/63 gab es erstmals nicht nur Wintermäntel oder Handtücher, sondern auch die ersten drei Typen des Quelle-Fertighauses. Für alle, die es ganz genau wissen möchten: Hier steht der Typ 100/F.

Wir starten unseren Rundgang durch ein Fertighaus von 1965, das vorher in Pulheim zu Hause war und sogar einen richtig massiven Keller hat. Mit seinem Flachdach und dem in der Länge über den Keller hinausragenden Baukörper sieht das Haus schon wieder sehr modern und stylish aus. Und bei der Besichtigung werden dann viele Erinnerungen wach: angefangen bei der Hollywoodschaukel auf der Terrasse, dem Telefontischchen im Flur, der Teak-Schrankwand, den orangefarbenen Küchengeräten und dem alten Ford, der unter dem Haus parkt.

Bedrückender sind dagegen die Geschichten, die die Unterbringung in den Nissenhütten oder Flüchtlingscontainern zeigen. Dazu dokumentieren Filmsequenzen die Wohnsituation der Bewohner und geben einen sehr bewegenden Eindruck davon, was es heißt, in einer Notunterkunft (oft auch für einen längeren Zeitraum) zu leben.

 

Kurze Betten, teure Butter

Nachdem wir an der Bockwindmühle vorbeikommen, die das erste Gebäude überhaupt in der Sammlung des Freilichtmuseums war, erfahren wir in der niederrheinischen Siedlung noch, warum die Betten in den düsteren Schlafkammern früher meist so ausgesprochen kurz waren. Denn auch wenn wir heute im Durchschnitt bestimmt einige Zentimeter größer sind als die Menschen damals, sind die Schlafstätten erschreckend knapp bemessen. Schwer vorzustellen, wie man hier eine erholsame Nacht haben kann. Doch der Grund dafür ist einfach. Durch die harte Feldarbeit, das Miteinander von Mensch und Tier unter einem Dach und die Mengen an Dreck und Staub im Haus waren die Bronchien der Menschen stark belastet. Lagen sie nachts in ihren Betten zu flach, bekamen sie schlecht Luft, erwachten mit Atemnot und dachten, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Darum verbrachten sie ihre Nachtruhe notgedrungen lieber halb sitzend und mit aufrechtem Oberkörper. Ob man so wieder fit für die harte Arbeit des nächsten Tages war?

Und noch etwas anderes verdient unsere Aufmerksamkeit. Ein etwa meterhohes Holzrad, das sich in der Küche des »Heyerhofes« befindet, der ursprünglich in der Nähe von Mönchengladbach stand. Es ist ein Hundelaufrad, das an ein Butterfass angeschlossen ist. Butter war damals eine eigene Währung und fast so kostbar wie Gold. Für die Herstellung von einem Pfund Butter musste sich ein Hund im Laufrad rund eine Viertelstunde abstrampeln. Damals mussten tatsächlich alle mithelfen – und bei uns hat um die Ecke gerade eine Naturheilpraxis für Hunde eröffnet und bietet Bioresonanz und Ernährungsberatung für die Vierbeiner an ;).

 

Gerne wieder

Was hängen bleibt nach unserem Besuch im Freilichtmuseum Kommern? Ganz gleich, ob Westerwald, Eifel oder Niederrhein – so idyllisch auch die reetgedeckten Gehöfte mit ihren Bauerngärten aussehen mögen, das dörfliche Leben vor Jahrhunderten war hart und entbehrungsreich. Ablenkung gab es kaum. Für unsere technikverwöhnten Kids kaum vorstellbar, dass man die Abende bei Kerzenlicht und mit einer Handarbeit oder einfach beim Geschichten-Erzählen verbracht hat – und zwar gemeinsam in einem Raum. Während sich heute jeder zum scheinbar überlebenswichtigen Chillen mit Smartphone oder Tablet in den Luxus seines eigenen Zimmers zurückziehen kann.

Das Freilichtmuseum Kommern bietet für alle Generationen eine tolle Gelegenheit für eine überzeugend zusammengestellte Zeitreise in die Vergangenheit. Wir haben viel Interessantes erfahren und mussten leider doch so viele Dinge links und rechts liegen lassen, weil die Zeit einfach nicht gereicht hat. Aber das Gute daran ist ja, dass wir auf jeden Fall noch einmal wiederkommen wollen. Oder zweimal …

 

Mehr Informationen zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Richte dein Gesicht immer zur Sonne und die Schatten werden hinter dich fallen. (W.W)