Go east! Das Museum für Ostasiatische Kunst Köln

Ausstellungsplakat Museum für Ostasiatische Kunst Köln

Historische Kunst und begeisterte Teenager schließen sich aus? Nicht im Museum für Ostasiatische Kunst Köln. Hier können alle Ausstellungsstücke die Geschichten aus dem alten Japan, China und Korea erzählen. Erholung gibt’s dann bei Kaffee und Kuchen im Museumscafé und im japanischen Meditationsgarten.

Meine kleine Schwester hat ein neues Hobby: Mangas, Anime, Cosplay und alles, was dazugehört. Dieser Aufzählung ist anzumerken, dass ich mich nicht besonders gut auskenne. Das liegt nicht etwa daran, dass ich ihr Interesse belächle – im Gegenteil. Viele ihrer Freundinnen und Freunde haben sich inspirieren lassen und zeichnen eigene Mangas, mein Schwesterchen steigt mit ein. Und ich bin ziemlich beeindruckt, wie gut sie sich dabei anstellt.

Wie bei anderen 14-Jährigen ist bei meiner Schwester ein neues Interesse weniger Hobby denn brennende, alles verzehrende Begeisterung. Sie führt diverse Kämpfe mit unseren Eltern, die sie nur zögerlich auf Conventions fahren lassen und manchmal die Freizügigkeit ihrer Cosplay-Kostüme bedenklich finden. Ich persönlich halte das für Quatsch – aktuell sind Saumlängen allerdings das kleinste Problem, der Kampfschauplatz hat sich verlagert: Sie will unbedingt für ein paar Wochen nach Japan, um das Land kennenzulernen, aus dem die Dinge stammen, die sie so begeistern. Nun ist das sowohl ein extrem kostspieliges als auch für einen 14 Jahre alten, allein reisenden Sturkopf irgendwie ein fast unmögliches Unterfangen, finden unsere Eltern. Ich möchte ein bisschen zur Entspannung beitragen und lade meine kleine Schwester ein, mich für ein Wochenende in Köln zu besuchen und Abstand von der heimischen Streitfront zu bekommen.

Schnelle Züge und entspannte Teenies

Sie sagt erleichtert zu, düst alleine mit dem Zug aus der Eifel nach Köln und kommt irgendwo zwischen aufgekratzt und extrem gelassen an. Eigentlich könnte sie öfter kommen, denke ich. Das geht schnell, kostet wenig und schont Nerven. Eine entspannte Zugfahrt mit Musik auf den Ohren und ohne Kritik von etwaigen Erziehungsberechtigten macht aus der schlecht gelaunten Parfümwolke eine witzige, nette Halbwüchsige, mit der ich interessante und auch ganz schön erwachsene Gespräche führen kann. Ich merke, dass ich sie oft noch ein bisschen unterschätze, und gelobe vor mir selbst Besserung. Optimistisch stelle ich ihr meine Wochenendpläne vor. Ich will mit ihr ins Museum für Ostasiatische Kunst gehen, weil ich glaube, dass ihr das gut gefallen wird. Da ich spätestens beim Wort „Museum“ mit Gegenwind gerechnet habe, bin ich gut auf das Gespräch vorbereitet. Ich erkläre ihr also, dass ich sie zwar nicht nach Japan transferieren, aber wenigstens ein bisschen Japan für sie herholen kann. Sie scheint noch skeptisch, geht aber brav früh schlafen, damit wir am nächsten Tag im Museum nicht an die Exponate gelehnt eindösen.

 

Mit Kaffee und Straßenbahn geht’s morgens los. Ich habe mich vorher natürlich informiert, und wir starten mit der vielversprechendsten Abteilung: Ein ganzer Bereich widmet sich traditionellen japanischen Geschichten und den Medien, die sie transportieren. Weil ich ja Einblicke in historisches Storytelling versprochen habe, beginnen wir mit den fantasievollen Geschichten und Romanen, die monogatari heißen. Sie bestehen teilweise aus Prosapassagen, teilweise aus Gedichten und erzählen eine mehr oder weniger kontinuierliche Handlung. Sie werden in textlicher, aber auch in illustrierter Form erzählt. Für mein Schwesterchen sind natürlich vor allem die bebilderten Querrollen, die emakimono, interessant. In den traditionellen Künsten Japans spielen Bilder in Erzählungen offensichtlich eine ganz besondere Rolle. Auch von dem Gedanken, dass klassische Leinwände die einzige Möglichkeit sind, um Inhalte über Bilder zu transportieren, verabschieden wir uns schnell. Ganze Geschichten werden auf Stellschirmen, Fächern, Hängerollen und unterschiedlichsten Lack- oder Metallobjekten erzählt. Sogar Vogelkäfige sind dabei.

Immer geht’s um Liebe

Bilder zu den Erzählungen sind als feine Zeichnungen auf Kunstwerken, aber auch auf ganz normalen Alltagsgegenständen zu finden. Ich mag den Gedanken, dass sozusagen alle Dinge zu uns sprechen können, sehr. Und tatsächlich entdecken wir mit jedem weiteren Exponat, das wir unter die Lupe nehmen, ein bisschen mehr von der ganz eigenen Ästhetik und Erzählweise des alten Japan. Was uns besonders auffällt: Es geht, wie immer, um Liebe. So erzählen beispielsweise die aus dem frühen 10. Jahrhundert stammenden „Geschichten von Ise“ (Ise monogatari) von den Liebesabenteuern des Dichters Ariwara no Narihira. Und dass es nicht nur bei Shakespeare Capulets und Montagues und erbitterte Feindschaften gibt, beweisen die „Erzählungen von den Heike“ (Heike monogatari). Sie sind im 14. Jahrhundert entstanden und erzählen auf einem Stellschirm in der Japan-Galerie vom historischen Machtkampf zwischen den Familien Taira und Minamoto. Die „Erzählung des Prinzen Genji“ (Genji monogatari) aus dem 11. Jahrhundert verfolgen wir auf dem Dekor eines Muschelspielkastens und einer Nackenstütze, was uns beiden als Medium zur Informationsübermittlung zwar fremd ist, aber echt gut gefällt.

Genjis Abenteuer wurden von der Zeichnerin Waki Yamato 1980 sogar als Manga unter dem Titel „Geben wir uns nicht oberflächlichen Träumereien hin“ (Asaki yumemishi) veröffentlicht. 2009 folgte eine Anime-Verfilmung als Fernsehserie, die mein Schwesterchen später direkt mal im Internet suchen will. Auch eine deutsche Ausgabe des Genji-Mangas findet sich im Museum. Wir sind so begeistert, dass wir uns ein bisschen in den verschiedenen Erzählungen verlieren und am Ende gar nicht mehr genug Zeit für die China- und Korea-Ausstellungen haben. Wir schlendern zwar durch und sehen ein paar Dinge, die wir uns gern näher anschauen würden, aber der Magen knurrt so langsam doch ganz schön laut. Die Buddha-Darstellungen finde ich ziemlich interessant! Wir nehmen uns also vor, noch ein zweites Mal herzukommen – zumal ab dem 1. März 2018 eine große Sonderausstellung zur Blütezeit der Japanischen Holzschnittkultur gezeigt wird –  und ziehen weiter zum Museumscafé. Das liegt passenderweise am japanischen Meditationsgarten mit Teichblick und rahmt die schönen Bilder in unseren Köpfen entsprechend ein.

 

Nachdem wir uns gestärkt haben, fahren wir gemütlich mit der Bahn zurück zur WG und berichten von unseren Abenteuern beziehungsweise denen des Prinzen Genji. Meine Schwester stöbert tatsächlich einen Stream für die Animé-Serie auf, von der wir im Museum gelesen haben. Wir schauen ihn uns mit Pizza auf der Couch an und verstehen uns richtig gut. Als ich die „Kleine“, die sich wohl in den Kopf gesetzt hat, mich bald größenmäßig zu überholen, in den Zug setze, verabschieden wir uns wehmütig. Wir hatten ein tolles Wochenende! Lautstarke Japan-Streitereien überlasse ich weiterhin gern meinen Eltern, die Rolle des großen Bruders passt viel besser zu mir.

Am einfachsten erreicht ihr das Museum vom Kölner Hauptbahnhof aus mit der Stadtbahnlinie 18 bis zum Halt »Neumarkt«, von dort in die Stadtbahnlinie 1 umsteigen bis zum Halt »Universitätsstraße« und 3 Minuten zu Fuß oder vom Neumarkt aus mit den Buslinien 136 oder 146 bis zum Halt »Moltkestraße«, anschließend sind es noch rund 7 Gehminuten.

Weiterführende Infos rund um eure Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Bahnreiser, Naturbursche und Freizeitentdecker!