Ist ja alles so schön grün hier – quer durch Köln-Sülz

St. Nikolaus, Köln-Sülz

 

Zugegeben, es gibt hippere Viertel in Köln. Es gibt auch gepflegtere und definitiv solche mit mehr Parkplätzen. Letzteres kümmert uns zum Glück heute aber überhaupt nicht. Schließlich gondeln wir mit dem Zug nach Köln-Sülz – in einen Stadtteil ganz am westlichen Rand der Stadt (dahinter beginnt für eingefleischte Kölner schon das Niemandsland, also Hürth & Co.).

Mitten im Uni-Viertel

Wir haben heute einen echten FC-Köln-Fan im »Gepäck«, unser Patenkind aus Frankfurt ist zu Besuch. Und wir haben die Gelegenheit genutzt, mit ihm gemeinsam Kölner Freunde zu besuchen, die uns einen Kölner »Veedelspaziergang« mit FC-Fußballtradition versprochen haben.

Vom Bahnhof Köln-Süd aus, wo wir unsere Freunde treffen, sind es nur ein paar Schritte, und wir stehen mittendrin im »Kwartier Latäng«. So wird das Viertel rund um die Uni in Köln genannt. Hier spielt neben Hörsaal und Mensa ein Großteil des studentischen Lebens. Wir passieren viele Restaurants, Kneipen, Clubs und Cafés an der Zülpicher Straße, darunter den, nach dem Urteil unserer Freunde, besten Falafel- und Schawarma-Imbiss in ganz Köln, »Habibi«, und das »OFF Broadway« (ein Programmkino mit lauschigem Innenhof), bevor wir ins »Feynsinn« geführt werden. Das liegt sehr viel grüner und ruhiger am Rathenauplatz, der nur ein paar Schritte von der quirligen Zülpicher Straße entfernt ist. Der Platz bietet neben Spielplätzen und einem schönen Biergarten viele Bänke zum Tagträumen und den idealen Boden für ausgedehnte Boule-Partien. Hier ist einer der Treffpunkte in Köln für die Freunde der glänzenden Kugeln. Bei einer ersten entspannten Kaffeepause werden wir jetzt in den weiteren Verlauf unseres Sülz-Tags eingeweiht. Und der sieht schon ein paar Schritte vor. Wir könnten auch mit der Straßenbahn ein oder zwei Stationen fahren. Aber die Sonne lacht, wir sind frisch & bereit für neue Eindrücke: Also geht’s zu Fuß los.

 

 

Ganz schön hoch

Zuerst machen wir einen Abstecher zum großen Parkplatz am Uni-Center hinter den Uni-Wiesen. Das Uni-Center ist ein Dorf für sich. Mit seinen 49 Geschossen und insgesamt 134 m Höhe gehört es zu den größten Wohnhäusern in Europa. Hier wohnen über 2.000 Menschen (nicht nur Studenten, obwohl ein Teil der Wohnungen über das Studentenwerk vermietet wird), die sich mit insgesamt 9 Aufzügen zu ihren Wohnungen und zur schönen Aussicht über Köln bringen lassen können. Jeden Samstag findet auf dem Parkplatz unterhalb des dreiflügeligen Gebäudekomplexes ein Flohmarkt statt, auf dem man nicht nur Schätzchen finden, sondern auch tolle Suppen essen kann. Wir werden sogar fündig. Ein günstiger FC-Schal wird ersteigert (drückt der drohende Abstieg in die 2. Liga etwa den Preis?) und ziert trotz sommerlicher 20 Grad für den Rest des Tags den Patenkindhals.

 

 

Kleine Läden – große Vielfalt

Entlang der Berrenrather Straße (für Architekturfreunde sind das relativ neu gebaute Erzbischöfliche Berufskolleg und die daneben liegende Kirche der Katholischen Hochschulgemeinde sehr interessant) ziehen wir weiter ins Herz des Viertels. Auch hier reihen sich viele kleine Cafés und Läden aneinander. Darunter zum Beispiel einer der kuriosesten Schreibwarenläden, der »Bürobedarf Heinrichs«. Schmal und eng am Eingang (man ist sehr schnell dran vorbei), öffnet sich das Geschäft tief zu einer wahren Höhle. Kein Heft mit welcher Lineatur auch immer, das es hier nicht gibt. Der Laden platzt aus allen Nähten. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum vieles gar nicht ausgepackt werden kann, sondern in Kartons in den schmalen Gängen steht. Zum Glück arbeiten in diesem organisierten Chaos aber überdurchschnittlich viele nette Menschen, die aus der hinterletzten Ecke genau das herausziehen, was man sucht.

Mit dem frisch erworbenen schönsten Notizbuch überhaupt für unser FC-Kind (wir haben die Hoffnung, dass dieser Tag heute darin schon eine Seite bekommen wird) setzen wir uns mit einem Eis auf die Stufen vor St. Nikolaus, eine der vielen Kirchen im Viertel. Wir genießen unser Eis und fühlen uns wie auf einer italienischen Piazza, von der aus wir das städtische Treiben prima beobachten können. Die Eisdielendichte im Viertel ist auch wirklich nicht zu verachten, von vegan (»Keiserlich«) bis traditionell (»Orchidea«, »Firenze«, »San Marco«, »Savoca« oder »Sagittario«) ist alles vorhanden.

 

 

Ab ins Grün

Gut gestärkt passieren wir nun die Sülzburgstraße, die vielleicht die Haupteinkaufsmeile im Viertel ist (und nach rechts zu einem tollen Sülzer Wochenmarkt auf dem Auerbachplatz führt und nach links in den Gottesweg übergeht, der schon im benachbarten Stadtteil Klettenberg liegt). Wir lassen uns jetzt aber nicht wieder ins Ausgeh- und Shopping-Vergnügen ziehen, sondern laufen ein ganzes Stück weiter, bis wir über einen kleinen Fußweg direkt in den Beethovenpark abbiegen. Und jetzt wird’s wirklich grün. Der Park ist die Freizeitoase von Sülz. Hier gibt’s neben den Tennis- und Hockeyplätzen vom Lokalmatador Blau Weiss schöne Spielplätze, den Pilzberg (ein aus Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgeschüttetes Bergchen, das im Winter und wenn mal Schnee liegt sogar für Rodelabfahrten taugt) und zwei Schrebergartenkolonien.

Der Park geht fließend in den äußeren Kölner Grüngürtel über – eine halbkreisförmig um die Stadt angelegte Grünzone, die auf Veranlassung des damaligen Oberbürgermeisters von Köln, Konrad Adenauer, entstand. Das viele Grün um uns herum empfängt uns direkt mit dem Geißbockheim. Das Clubhaus des 1. FC Köln, benannt nach dem Maskottchen des Fußballclubs, liegt idyllisch am Rand des Decksteiner Weihers und bietet von seiner Aussichtsterrasse im ersten Stock eine schöne Aussicht in die Natur und auf die Trainingsplätze des Vereins. Wenn nicht gerade Geheimtraining im benachbarten kleinen Franz-Kremer-Stadion angesagt ist, finden sich hier am Spielfeldrand viele mehr oder weniger fachkundige Kiebitze ein, die das Trainingsgeschehen kommentieren und glauben, das Zeug zum Cheftrainer zu haben. Unser Patenkind ist ein bisschen geknickt. Heute kein Training (kein Wunder, es ist Samstag, und die Liga ruft), aber leider ist auch der Fanshop geschlossen. Na, zum Glück haben wir ja schon den Schal vom Flohmarkt in der Tasche. Die Aussicht auf eine Partie Minigolf vertreibt aber schnell trübe Gedanken.

 

 

Ein Haus am See

Wir spazieren gemütlich entlang des Decksteiner Weihers, der sich langgestreckt bis zu einer Kölner Ausflugslegende zieht, dem »Haus am See«. Ein bisschen ist hier die Zeit stehengeblieben, und ich fühle mich an Wochenendausflüge meiner Kindheit erinnert. Für Kaffee und Kuchen mit Aussicht aufs Wasser und die Tret- und Ruderboote, die man für eine Runde auf dem Wasser leihen kann, ist das hier aber ein unschlagbar toller Platz. Wir entscheiden uns für die benachbarte Minigolf-Anlage und brechen an diesem Tag allerdings nicht annähernd den Platzrekord. Spaß hat’s trotzdem gemacht. Zurück geht’s dann auf der anderen Seite des Weihers und durch den Beethovenpark. Als wir wieder die Straßenzüge des Viertels erreichen, sind wir zugegebenermaßen schon ein bisschen fußlahm.

 

 

Zurück im Veedel

Unsere Freunde führen uns trotzdem noch durch die Siebengebirgsallee. Mit der fast geschlossenen Bebauung mit schönen Gründerzeithäusern ist sie im stark kriegszerstörten Köln fast schon eine Rarität. Das merken wir direkt, als wir wieder auf der stark befahrenen Luxemburger Straße stehen, die eine ganze Reihe von Lücken für die eine oder andere Bausünde im Programm hat. Bevor wir uns von hier aus mit der Straßenbahnlinie 18 wieder in Richtung Hauptbahnhof auf den Weg machen, nehmen wir noch ganz FC-gerecht in der »Südkurve« (der Fußballkneipe im Viertel) eine letzte Erfrischung. Übrigens hat man von hier aus auch einen guten Blick auf das Weisshauskino. Ein 50er-Jahre-Filmpalast und das letzte Vorortkino in ganz Köln, das noch in Betrieb ist. Bestimmt einen Besuch wert. Aber den Film gucken wir dann bei unserem nächsten Trip nach Köln-Sülz – heute sind wir zu platt 🙂

Mitten im Uni-Viertel liegt der Bahnhof Köln Süd, den ihr mit RE 12, RE 22/RB 22 oder RB 24 erreicht, und der der ideale Startpunkt für euren Veedelspaziergang ist.

Weiterführende Infos rund um eure Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

 

Verfasst von

Man muss das Leben tanzen! (Nietzsche)