Es werde Licht … Ausflug nach Lüdenscheid

Rathaus, Lüdenscheid

 

Loriot lässt grüßen

»Herr Müller-Lüdenscheid … Herr Dr. Klöbner« – wie und warum Loriot auf die Idee kam, den Namen der Stadt Lüdenscheid für einen seiner zwei knollennasigen Badewannenherren zu nutzen, weiß ich nicht, aber tatsächlich gibt’s in der Lüdenscheider Innenstadt eine Skulptur, die die beiden Badenden in der Wanne zeigt. Inzwischen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort an der frischen Luft, aber direkt hinter der Fensterfront eines Cafés immer noch gut zu sehen. Um nicht alleine Loriot mit Lüdenscheid zu verbinden, sondern noch ein bisschen mehr über die Stadt zu erfahren, bietet sich heute eine gute Gelegenheit. Wir haben ein bisschen Zeit, durch Lüdenscheid zu bummeln, bevor es für uns zu einem großen Familienfest gleich in der Nähe weitergeht.

Stadt des Lichts

Zugegeben, ich war noch nie in Lüdenscheid, und stünde später nicht unser Familientreffen auf dem Programm, wäre ich vermutlich auch nicht auf die Idee gekommen, mich auf den Weg zu machen. Dabei scheint das gar keine schlechte Idee zu sein. Denn eines der Highlights der Stadt sehen wir direkt bei unserer Anfahrt zum Lüdenscheider Bahnhof. Unübersehbar ragt der Turm der Phänomenta in den Himmel. Von der Phänomenta, einem Wissenschaftsmuseum mit tollen Experimenten zum Selberausprobieren und viel Technikspaß, hatte ich tatsächlich auch schon vorher gehört. Im 75 m hohen Turm bewegt sich ein Foucault’sches Pendel, mit dem die Drehung der Erde sichtbar wird. Sehr, sehr langsam. Für einen kompletten Umlauf braucht das Pendel in Lüdenscheid ungefähr 31 Stunden. Aber keine Angst, so viel Zeit müsst ihr für das Museum nicht mitbringen. Auch schon bei einem etwas ausgedehnteren Besuch in der Phänomenta könnt ihr beobachten, dass ihr euch auf drehendem Untergrund befindet. Der Turm als neues Wahrzeichen der Stadt ist besonders in der Dunkelheit – eindrucksvoll beleuchtet – ein ganz besonderer Hingucker. Und damit wären wir schon bei einem weiteren wichtigen Thema, das für Lüdenscheid eine große Rolle spielt: dem Licht. Lüdenscheid trägt den Beinamen »Stadt des Lichts«. Der Grund dafür sind die vielen Unternehmen, die sich in und um Lüdenscheid angesiedelt haben und im Bereich Leuchten, Licht und Lichttechnik arbeiten und ein wichtiger Faktor für die Wirtschaft der Stadt sind.

In Lüdenscheid hat sich darum auch das Festival LICHTROUTEN etabliert, das seit 2002 in unregelmäßigen Abständen veranstalter wird. Die nächste Lichtkunstausstellung findet noch in diesem Jahr vom 28. September bis zum 7. Oktober statt. Dann wird jeden Tag ab 19.00 Uhr die Innenstadt in fantastischen Lichtinstallationen und Großprojektionen internationaler Lichtkünstlerinnen und -künstler erstrahlen. Überhaupt ist dieses Jahr ein ganz besonderes für Lüdenscheid – Lüdenscheid feiert mit vielen Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekten sein 750-jähriges Stadtjubiläum.

Flanierrunde durch die Altstadt

Wir machen aber jetzt erst mal mit unserer ganz privaten Stadtveranstaltung weiter und bummeln in Richtung Altstadt. Vom Bahnhof aus schaffen wir das ganz entspannt in einer knappen Viertelstunde. Im Zentrum der Altstadt steht die evangelische Erlöserkirche, von der allein der Turm noch aus dem 11. Jh. stammt. Rund um die Kirche ist die mittelalterliche Stadt als Kreis mit ringförmigen Gassen und Sträßchen gewachsen. Große Teile der beschaulichen Altstadt sind aufwendig restauriert, und es macht richtig Spaß, zwischen den barocken Bürgerhäusern und viel Fachwerk durch die schmalen Gassen zu bummeln. Um sich zu stärken, gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten. Vom Burger-Restaurant in der Fleisch- (»Zur Platten Bulette«) oder veganen Variante (»Marla & Mathildas Genusswerkstatt«) über das Wirtshaus in einem der ältesten Gebäude der Stadt (»Zum Schwejk«) und, und, und. Wir entscheiden uns für das Café »Der kleine Prinz«. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, und Inklusion findet also ganz nebenbei statt. Der Service ist total nett, und als eine Besonderheit gibt es hier das »Café im Dunkeln«, in dem die Gäste in vollkommener Dunkelheit speisen. Bestimmt ein außergewöhnliches Sinnenerlebnis. Aber ich bin froh, dass wir heute die schönen Räume und das leckere Essen in einem wunderschön sanierten Altbau bei Tageslicht genießen können. Zumal sich jetzt ganz passend auch noch die Sonne zeigt.

Zurück in die 70er

Bevor es für uns weitergeht, starten wir noch am Tisch sitzend zu einem kurzen Ausflug in die 1970er Jahre. Aus Erzählungen haben wir erfahren, dass Lüdenscheid nicht nur Stadt des Lichts, sondern damals auch Stadt der Zukunft war. 1971 war das, da wurde auf der planierten Kuppe des Berges Höh (gleichzeitig auch Name eines Stadtteils von Lüdenscheid) die »ika«, die Internationale Kunststoffhausausstellung, eröffnet. Sogar Willy Brandt gehörte damals zu den Besuchern der groß angelegten Leistungsschau. Thema war das »Leben und Wohnen in Kunststoff«. Ein Projekt, das allerdings nicht nur wegen der bald folgenden Ölkrise und des daraus resultierenden Preisanstiegs für Kunststoff mit einem riesigen finanziellen Verlust endete. Denn die komplett aus Kunststoff, Plastik und Hartschaumblöcken bestehenden Gebäude (vielmehr die wenigen Relikte, die heute noch existieren) muten selbst heute noch utopisch an und erinnern an gerade gelandete Ufos aus dem Weltraum. Dazu kam das Problem der Möblierung. In den Haustyp »Futuro« zum Beispiel passten kaum Betten, sodass in Sesseln, die entlang der Außenwand aufgestellt waren, geschlafen werden sollte. Das klingt nicht gerade nutzerfreundlich, und heute, da der Trend ohnehin eher zu geöltem Vollholz und biozertifizierten Materialien geht, erscheinen Plastikhäuser auch vollkommen anachronistisch.

Es muss nicht gleich Berlin sein

Jetzt geht’s für uns aber in der Gegenwart weiter. An die Altstadt schließt sich ein großes Shopping-Center an, das die üblichen Kettenläden und das austauschbare Mainstream-Angebot der meisten Einkaufszentren präsentiert. Das lassen wir einfach links liegen und bummeln weiter in Richtung Stadtgarten. Eine kleine grüne Oase mitten in der Stadt. Und hier heißt es für uns: einmal kurz Augen reiben, bitte. Ja, sind wir in Berlin? Das »Kulturhaus« von Lüdenscheid, sozusagen die gute Stube der Stadt, erinnert mehr als deutlich an die Berliner Philharmonie. Die Version hier ist sozusagen der kleine Bruder und der Ort für Theater, Konzerte, Kleinkunst & Co. in Lüdenscheid.

Für alle, die noch mehr über die Geschichte der Stadt erfahren möchten, bietet sich ein Besuch im Geschichtsmuseum der Stadt an. Hier gibt es viele faszinierende Objekte der Technikgeschichte und zur industriellen Entwicklung der Region im 19. Jh. zu sehen. Und um den Dreiklang perfekt zu machen, lernt man hier auch, dass Lüdenscheid neben den Titeln »Stadt des Lichts« und »Stadt der Zukunft« im 19. Jh. auch noch »Knopfstadt« war. Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, fehlt uns heute leider die Zeit. Das Familientreffen ruft. Aber ich bin mir sicher, dass wir nach Lüdenscheid zurückkommen werden. Bestimmt für einen ausgedehnten Besuch in der Phänomenta und, wenn es passt, gerne auch zur großen Lichtausstellung, den LICHTROUTEN, im Herbst. Und wenn ich so nachdenke, wäre das sogar mal ein guter Grund, sich auch auf die dunkle Jahreszeit zu freuen.

 

Mehr Informationen zu eurer Anreise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

 

Verfasst von

Leidenschaftlicher Inputsammler mit ausgeprägten Chillqualitäten