Ausflug mit Vergangenheit: Vogelsang im Nationalpark Eifel

Übersichtsplan Vogelsang IP

Gleich vorweg: Unser Ausflug nach Vogelsang (in der Nähe von Schleiden, mitten im Nationalpark Eifel) ist nicht nur ein Gute-Laune-Ausflug. Natürlich sind da die tolle Natur und die grandiosen Ausblicke auf den Urftsee und über die Eifelhöhen – doch das Gelände trägt mit dem Gebäudeensemble der ehemaligen NS-Ordensburg auch an einem schwierigen Stück Vergangenheit. Aber der Reihe nach.

Auf unserem Programm steht ein Ausflug in die Eifel, mitten in den Nationalpark, der übrigens der einzige in ganz Nordrhein-Westfalen ist. Wir wollen das Gelände Vogelsang entdecken. Heute hat Vogelsang noch den Zusatz IP. Der steht für Internationaler Platz und für die gesetzten Leitlinien, die sich an Toleranz, Vielfalt und friedlichem Miteinander orientieren.

Mit dem vareo-Zug geht’s bis zum Bahnhof Kall und von dort weiter mit dem NationalparkShuttle SB 82, der sogar drei verschiedene Haltestellen auf dem Vogelsang-Gelände (»Walberhof«, »Kulturkino« – das ist das ehemalige Truppenkino der belgischen Streitkräfte – und »Forum« am Besucherzentrum) anfährt. Die letzten Minuten unserer Busfahrt rollt der Shuttle über eine schnurgerade und riesig breite Straße an den ersten Backsteingebäuden vorbei. Selbst in einem Bus fühlt man sich hier schon verloren und klein. Die Dimensionen sind ab jetzt andere.

Lange Zeit war Vogelsang ein unzugänglicher Ort. Denn auf dem Gelände mit der NS-Ordensburg waren nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst britische Streitkräfte stationiert, bevor das belgische Militär ab 1950 auf dem Areal einen Truppenübungsplatz mit dem Namen »Camp Vogelsang« unterhielt. Erst 2006 wurde das Gelände an die Bundesrepublik Deutschland übergeben. Seitdem hat sich Vogelsang zu einem der meistbesuchten Orte in der Nordeifel entwickelt.

Das Forum Vogelsang

Wir fahren bis zum Halt »Forum«, der am neuen Besucherzentrum in unmittelbarer Nähe der Burganlage liegt. Die thront oberhalb der Urfttalsperre und wurde 1934 als NS-Ordensburg errichtet. Hier sollte der Führungsnachwuchs der NSDAP ausgebildet werden. Mit dem Kriegsausbruch 1939 gab es einen Baustopp, und Vogelsang wurde zur unvollendeten Dauerbaustelle. Mit rund 100 ha bebauter Fläche ist sie eine der größten baulichen Hinterlassenschaften dieser Zeit.

Wir besuchen zuerst das noch relativ neue »Forum Vogelsang« (2016 fertiggestellt), das neben dem Besucherzentrum einen richtig gut sortierten Shop mit Eifelprodukten, Büchern und Karten beherbergt und zwei sehenswerte Dauerausstellungen zeigt. Die des Nationalpark-Zentrums Eifel heißt »Wildnis(t)räume« und ist sehr kurzweilig und auch für Kinder interessant. Es gibt tolle Installationen und Mitmachstationen rund um die Naturschönheiten der Region. Das macht wirklich Lust, die Wildnis gleich vor der Haustür zu entdecken. Die zweite Ausstellung dokumentiert die Geschichte der von den Nazis errichteten Burganlage und liefert Hintergrundwissen zu Zielen und Absichten der NS-Ordensburg. Ihr Titel: »Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen«. In der Ausstellung werden unter anderem großformatige Fotos vom NS-Alltag, von Paraden, Aufmärschen und dem sportlichen Drill auf Vogelsang gezeigt. Übrigens hieß der federführende Architekt der Ordensburg Clemens Klotz – ein Name, der den monumentalen Baustil nur zu gut beschreibt.

Tolle Aussicht

Leider haben wir die tägliche offene Führung über das Gelände (immer um 14.00 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen zusätzlich um 11.00 Uhr) verpasst. Darum erkunden wir Vogelsang jetzt auf eigene Faust. Wirklich spektakulär ist der weite Ausblick von der Burgterrasse über die Urfttalsperre mit ihrer beeindruckenden Staumauer. Davor liegen hangabwärts in mehreren Riegeln die sogenannten Kameradschaftshäuser, die »Thingstätte« (eine Art Amphitheater) und die Sportanlage mit Tribünen. Eine noch bessere Sicht hat man nur vom Flankenturm des Ostflügels, den man im Rahmen eines geführten Turmaufstiegs erklimmen kann. Möglich ist das in den Monaten April bis Oktober von Montag bis Freitag um 13.00 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen zu jeder vollen Stunde zwischen 12.00 und 16.00 Uhr.

Fast alles, was die Architektur hier zeigt, ist ein paar Nummern zu groß, zu monumental und zu bombastisch. Als wir die Treppen hinunter zur Victor-Neels-Brücke gehen, macht der Blick von unten nach oben auf die Burganlage noch einmal deutlich, worum es bei dieser Bauweise geht: viel Platz für Menschenmassen, für Aufmärsche und Paraden zu schaffen und gleichzeitig dem Einzelnen das Gefühl zu vermitteln, dass er hier nur in der großen Gruppe existiert. Individualität wird zur Nebensache.

 

Ab in die Wildnis

Nach der historisch schweren Kost steht uns aber jetzt der Sinn nach Natur. Wir steigen weiter hinab bis zur Victor-Neels-Brücke (benannt nach dem gleichnamigen belgischen Kommandanten von »Camp Vogelsang«), die uns auf die andere Seite des Urftsees bringt. Auf einem schönen Uferweg mit zahlreichen Infotafeln und Rastmöglichkeiten und immer wieder tollen Blicken auf die jetzt in weiter Ferne auf der Anhöhe thronende Burganlage gehen wir bis zur Urftseestaumauer.

Hier gibt’s ein Ausflugslokal, in dem wir uns noch kurz stärken, bevor es recht steil in Richtung Wollseifen geht. Der Weg verläuft zum Teil auch auf dem »Wildnis-Trail«, der durch ein Wildkatzenlogo gekennzeichnet ist und in drei bis vier Tagen als Fernwanderweg durch den Nationalpark Eifel führt.

© zuk.
Ob Wildnistrail oder kurzer Rundweg – das Gelände bietet zahlreiche Wandermöglichkeiten

Wir laufen heute erst einmal nur bis zur Wüstung Wollseifen. Früher existierte hier ein Dorf mit rund 500 Einwohnern. Bis 1946. Dann wurde es durch britische Streitkräfte zwangsgeräumt und später als Truppenübungsplatz an das belgische Militär übergeben. Die Bewohner wurden umgesiedelt, und nach und nach verfielen die Häuser und Höfe. Heute erinnern nur noch die Ruinen der Kirche St. Rochus und der ehemaligen Schule an ein ehemals reges Dorfleben.

Als »Neubauten« sind noch ein paar Kulissenhäuser hinzugekommen, die den belgischen Soldaten dazu dienten, den Häuserkampf zu trainieren. Einige wenige sind erhalten geblieben, die Türen und Fenster meist zugemauert und nur mit kleinen Schlitzen versehen, um Fledermäusen und Reptilien Unterschlupf zu bieten. Überhaupt hat sich die Natur viel zurückgeholt, und eine ganze Reihe von Wildtieren hat in diesem ehemaligen Sperrgebiet wieder einen Lebensraum gefunden.

Wollseifen liegt mitten auf der Dreiborner Hochfläche, weites, offenes Land. Im Frühjahr blühen hier überall die gelben Blüten des Ginsters, das sogenannte »Eifelgold«. Wir müssen also noch mal wiederkommen:) Und uns dann am besten auch einer Führung der sehr gut informierten Ranger anschließen, wie die Natur- und Landschaftspfleger im Nationalpark Eifel genannt werden. Ihr könnt sie übrigens prima an ihrem großen Hut erkennen.

Auf unserem weiteren Weg zurück nach Vogelsang weisen immer wieder Warnschilder darauf hin, unbedingt auf den markierten Wegen zu bleiben. Denn da wir ja nicht nur einfach in einem Nationalpark unterwegs sind, sondern auch über einen ehemaligen Truppenübungsplatz laufen, könnten im umliegenden Gelände durchaus noch gefährliche Munitionsreste liegen.

Liegt es daran, dass wir inzwischen schon langsam müde werden, oder sind die Pferde einfach nur superfit? Auf jeden Fall werden wir auch noch von einer Planwagenkutsche überholt. Denn vom Frühjahr bis in den Herbst hinein kann man sich auch mit einem Pferdegespann über die Dreiborner Hochfläche und bis nach Vogelsang kutschieren lassen. Eine gute Idee, um allen, die nicht so gut zu Fuß sind, die Schönheiten der Natur zu zeigen. Wir spielen aber nicht Anhalter und schaffen die restlichen Kilometer bis Vogelsang noch per pedes.

Eigentlich gäbe es noch eine ganze Menge mehr zu entdecken, wie z. B. das unter Denkmalschutz stehende Truppenkino der belgischen Streitkräfte aus den 50er-Jahren oder das Hallenbad Vogelsang mit seinem Wandmosaik, aber für heute sind wir schon so voller Eindrücke, dass wir diese erst einmal sacken lassen müssen.

Wir sind uns einig: Ein Besuch in Vogelsang lohnt sich in jedem Fall. Ganz gleich, ob man eher an der Geschichte der Anlage interessiert ist oder lieber durch die Eifelnatur wandern möchte. Aber am besten kombiniert man beides 🙂

 

Das Gelände Vogelsang erreicht ihr am besten vom Bahnhof in Kall (Halt auf der Eifelstrecke des vareo) aus. Von dort bringt euch der NationalparkShuttle SB 82 direkt hin.

 

Weiterführende Infos rund um eure Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verfasst von

Man muss das Leben tanzen! (Nietzsche)