Wie war das früher? Das Freilichtmuseum Lindlar

Freilichtmuseum Lindlar

Gar nicht so leicht, ein Ausflugsziel zu finden, das Spaß macht und ein bisschen was für die grauen Zellen bietet. Schöne Naturerlebnisse wären natürlich auch nicht schlecht. Wenn diese Auszeit vom Alltag zudem nicht die Welt kostet: perfekt! Kaum zu glauben, aber nach kurzer Suche sind wir tatsächlich auf solch ein Ausflugsziel gestoßen. Und sind mit der erweiterten Familie inkl. Großeltern ins Freilichtmuseum Lindlar im Bergischen Land gefahren.

Das Tolle: Es ist für alle Generationen etwas dabei. Die älteren Semester kennen einige historische Gerätschaften und traditionelle Arbeitsweisen und Techniken aus Erzählungen ihrer Eltern- und Großelterngeneration.Für die ganz Jungen sind die ausgestellten Handwerke oder originalgetreuen Gebäude so fremd, dass sie schon wieder »cool« werden.

Auf zur Zeitreise

Mit dem vareo-Zug und dem TaxiBus kommen wir ganz bequem bis zum Eingangsgebäude des Museums, und bestückt mit einem Übersichtsplan geht’s durch den Museumsshop hindurch auch schon los auf die Zeitreise in das ländliche Leben im Bergischen Land vor mehr als 100 Jahren.

Wer das gesamte Gelände (etwa 30 ha groß) mit seinen 38 historischen Gebäuden und Tausenden von Werkzeugen und Utensilien erkunden will, sollte gut 3 Stunden für den Besuch einplanen. Kommen dann noch Vorführungen alter Handwerkstechniken dazu oder ein Abstecher in die Museumsgaststätte Lingenbacher Hof, dauert’s schnell ein bisschen länger.

 

 

Das Museumsgelände zeigt nicht nur Gebäude und Werkstätten von früher, sondern wird auch so »beackert«. Mit Ochsen, Pferd und Pflug oder historischen Traktoren. Die Pferde sind Rheinische Kaltblüter, wie gemacht, um über das Feld zu stapfen. Im Museum gibt es noch weitere alte Tierrassen, die fast schon ausgestorben waren und die jetzt wieder rückgezüchtet werden, um ihren Bestand zu erhalten. Wie zum Beispiel den Bergischen Schlotterkamm (ein Huhn), das Coburger Fuchsschaf oder das Deutsche Weideschwein.

 

 

PS-Schätzchen auf vier Hufen oder motorisiert

Wir starten unseren Rundgang durch die sanft hügelige Landschaft mit einer kleinen Steigung zum »Hof zum Eigen«. Die Hofanlage ist die älteste Gebäudegruppe im Museum, die sich mit ihren Scheunen, Speichern, dem Wohnstallhaus und dem Backhaus um einen Platz gruppiert. Im historischen Backhaus wird heute leider nicht der Ofen angeworfen, aber die großen und kleinen Ziegen, die draußen herumspringen, sind zumindest für die Kinder Entschädigung genug. Apropos Kinder: Mit ihnen geht’s ohnehin nur im Schneckentempo weiter. Denn es gibt immer etwas, über das man balancieren kann, viele Ecken, um sich zu verstecken, oder auf der Wiese wartet ein toller Oldtimer, der bestaunt werden will. Wer übrigens Lust auf noch mehr PS-Schätzchen hat, ist bei der jährlichen Veranstaltung »PS und Pedale« gut aufgehoben. Hier wird alles präsentiert, was historisch ist, Räder hat und mit Muskel- oder Motorkraft angetrieben wird: Fahrräder, Motorräder, Klein- und Lieferwagen.

 

 

Alte Sorten ganz weit vorn

Für uns geht’s weiter am Bandweberhaus vorbei, dessen Originalstandort in Wuppertal war. Herzstück in der Werkstatt des Hauses ist der große hölzerne Bandwebstuhl, der von morgens bis abends im Einsatz war und meterlange Blumen- und Hutbänder herstellte. Auch der tolle Garten ist originalgetreu angelegt. Der ist riesig und mit alten Gemüseschätzen und regionalen Früchten bepflanzt. Eben mit (fast) allem, was die Familie zum Selbstversorgen brauchte.

 

 

Das Thema »altes Saatgut« liegt dem Museum ganz besonders am Herzen. Es gibt dazu viele Veranstaltungen und Angebote das ganze Jahr hindurch, zum Beispiel zu schon fast vergessenen Küchen- und Heilkräutern. Im »Archegarten« lernt man alles Wissenswerte zum Anbau, der Verarbeitung und Zubereitung alter heimischer Obst- und Gemüsesorten.

Bei so vielen Leckereien, die rund um uns wachsen und sprießen, ist es jetzt Zeit fürs erste Picknick, das bei uns aber zugegebenermaßen überwiegend aus Supermarktprodukten besteht. Die Kinder hält das ein paar Minuten später natürlich nicht davon ab, auch in der Museumsgaststätte Lingenbacher Hof einzukehren, der nächsten größeren Gebäudegruppe, die wir erreichen. Ihre Theorie ist nämlich: Dort, wo du nicht auch in irgendeinem Café, Imbiss, Restaurant etc. etwas gegessen und/oder getrunken hast, bist du auch nicht gewesen. Na, vermutlich haben sie das von ihrem Großvater, der jetzt auch gerade Lust auf Kaffee und Bergische Waffeln hat. Das trifft sich ja 🙂

 

Hochprozentiges kann man auch pumpen

Neben der Museumsgaststätte steht die »Restauration Römer«. Das Gebäude wurde in wenigen Teilen per Tieflader aus Wuppertal-Sandfeld nach Lindlar gebracht, wo es zuvor über Generationen hinweg (mehr als 100 Jahre) vor allem die staubgeplagten Arbeiter eines nahe gelegenen Steinbruchs versorgte (in erster Linie mit Schnaps). Die Ausstattung ist noch original (gut, das Schaffell auf dem Stuhl neben Ofen und Tresen, von dem aus Fritz Römer das Geschehen in seiner Gaststätte beobachtete, musste mal ersetzt werden), und die Theke ist schönster Jugendstil. Besonders kurios: die »Schnapspumpe«, die Hochprozentiges aus dem Keller nach oben beförderte, und die hölzerne Klappe, die zum Straßenverkauf geöffnet werden konnte. Denn vor allem Kinder, die für ihre Väter Bier oder Stärkeres besorgen mussten, sollten gar nicht erst den Schankraum betreten, sondern das Verlangte nur durch die kleine Durchreiche entgegennehmen.

 

 

Auf unserem Weg passieren wir noch ein paar Kaltblüter, richtig kräftige Acker- und Zugpferde, denen es heute zu warm ist und die Schutz im Schatten suchen. Ihr Anblick freut besonders die Kinder. Etwas entfernt folgt ein sogenanntes Kleinstwohnhaus aus Hilden (freut die Älteren), in dem auf knapp 40 m² (und das auch noch auf zwei Etagen verteilt) zwei Familien über eine lange Zeit mit bis zu 10 Personen gelebt haben. Tatsächlich waren solch beengte Wohnverhältnisse ganz verbreitet unter den Fabrikarbeiterfamilien um 1900 im Bergischen Land. Hier gab es wirklich keine Chance auf Privatsphäre oder die Möglichkeit, sich mal zurückzuziehen.

Für uns heute unvorstellbar. Fast alle wollen immer großzügiger wohnen und beanspruchen eine Menge Quadratmeter für sich. Aber vielleicht hat sich die drangvolle Enge auch einfach nur verlagert und empfängt uns heute mit Stau und stockendem Verkehr auf der Straße J

Wir kommen gerne wieder

Es gäbe noch so viel mehr zu entdecken und zu berichten, von der Sattlerei über die Uhrenwerkstatt (bis Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte das Uhrmacherhandwerk im Bergischen Land seine Blütezeit), die Schmiede, die Seilerei bis zum Müllershammer, oder wir könnten bei den museumseigenen Bienen vorbeischauen, aber heute schaffen wir das nicht mehr. Ein bisschen schade, aber auf der anderen Seite auch ganz passend, um auf jeden Fall noch ein paar weitere Besuche im Freilichtmuseum Lindlar einzuplanen. Das Jahresprogramm des Museums bietet eine Vielzahl von Mitmachaktionen, Seminare und Veranstaltungen zu vielen Themen. Eine Übersicht findet ihr unter Freilichtmuseum Lindlar.

 

Um zum Freilichtmuseum Lindlar zu kommen, fahrt ihr mit dem vareo-Zug bis zum Bahnhof in Engelskirchen (Oberbergische Bahn RB 25) und von dort mit der TaxiBus-Linie 331 (Fahrt bitte mind. 60 Min. vor Abfahrt unter 02261 911271 bestellen) direkt zum Museumsparkplatz beim Eingangsgebäude des Museums.

 

Weiterführende Infos rund um eure Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

 

 

Verfasst von

Richte dein Gesicht immer zur Sonne und die Schatten werden hinter dich fallen. (W.W)