So war der Kalte Krieg – die Dokumentationsstätte Regierungsbunker Ahrweiler

Dokumentationsstätte Regierungsbunker Ahrweiler

Steile Weinberge, liebliche Winzerorte und ein idyllischer Flusslauf. Das Ahrtal hat wirklich einiges zu bieten. Aber davon bekommt ihr bei diesem Ausflugstipp nicht viel zu sehen. Dabei seid ihr mitten im Ahrtal. Allerdings ziemlich tief unter der Erde. Im ehemaligen Regierungsbunker der Bundesrepublik Deutschland.

Hier, rund 25 km südlich von Bonn, sollten im Ernstfall eines atomaren Angriffs bis zu 3.000 Politiker und Amtsträger aus der damaligen benachbarten Bundeshauptstadt in Sicherheit gebracht werden. Hinter atombombensicheren Toren entstand bis 1972 eine unterirdische Welt, die 30 Tage lang überlebensfähig sein sollte.

Ab Beginn der 1960er Jahre lag hier für mehr als ein Jahrzehnt die geheimste Baustelle Deutschlands. Rund zwölf Jahre später war in zwei von ingesamt fünf Tunneln einer nie fertiggestellten Eisenbahnstrecke eine Bunkeranlage als »Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland in Krise und Krieg« (so der offizielle Name) gebaut worden.

Als sich mit der Auflösung des Ostblocks die politischen Zeiten änderten, wurde das einst teuerste Bauwerk der Bundesrepublik nach dem Ende des Kalten Kriegs in den 1990er Jahren stillgelegt. Lange bemühte man sich um einen neuen Investor, sogar an eine Eventgastronomie oder Techno-Disco wurde gedacht. Doch die umfangreichen Brandschutzsanierungen machten vielen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Auch für den Denkmalschutz, der als Lösung ins Spiel kam, war die Erhaltung der Anlage zu kostspielig. So war es ein Glück, dass sich ein »Kombiplan« abzeichnete, der den Bunker vor dem weiteren Verfall bewahrte: Der Bund ist bis heute weiterhin der Besitzer, Träger der Dokumentatiosstätte aber ist der Heimatverein Alt-Ahrweiler, der seit 2008 mit Führungen und Begleitprogrammen das Museum betreibt.

Dokumentationsstätte Regierungsbunker Ahrweiler
Außenansicht der Dokumentationsstätte Regierungsbunker

Und zu einer solch lohnenden unterirdischen Zeitreise bringt euch sogar der vareo-Zug – zumindest das erste Stück 🙂 Vom Bahnhof Ahrweiler Markt oder vom Bahnhof Walporzheim kommt ihr in einem ungefähr 20-minütigen Spaziergang ein Stückchen die Weinberge hinauf zum Bunker. Besichtigen könnt ihr die Anlage dann im Rahmen einer ca. 1,5-stündigen Führung, die euch zurück in die Zeiten des Kalten Kriegs bringt. Die Dokumentationsstätte Regierungsbunker hat sich seit der Eröffnung vor gut einem Jahrzehnt zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt. Die Anfangszeiten der Führungen sind flexibel und orientieren sich am Besucheraufkommen. Manchmal kann es zu ein bisschen Wartezeit kommen, eine Reservierung für Einzelbesucher ist aber nicht nötig. Möglich übrigens auch nicht 🙂

Von den ursprünglich über 17,3 Tunnelkilometern sind heute noch rund 200m zugänglich. Der Rest wurde bis 2006 zurückgebaut. Alle Beschäftigten, die im Bunker (in den 1960er Jahren immerhin die geheimste bundesrepublikanische Baustelle) ihren ständigen Arbeitsplatz hatten, wurden verbeamtet. So sollte sichergestellt werden, dass sie nicht mit ihrer Familie oder mit engsten Freunden über ihre Beschäftigung und die Bauarbeiten sprachen. Im Ahrtal erzählt man sich allerdings noch heute, dass in der näheren Umgebung von Klein bis Groß fast jeder über die Bauarbeiten Bescheid wusste. Frotzelnd wurde der Bunker bei den Einheimischen auch »Gasthaus zum letzten Stündchen« genannt. Und auch die feindlichen Geheimdienste waren über den Fortschritt der Arbeiten und die Details der Bunkeranlage bestens informiert.

Aber ganz gleich, wie weit die strengste Geheimhaltung auch hielt, ins Innere der Anlage kam neben den hier Angestellten nur ein ausgewählter Kreis. Klein war der allerdings nicht. Denn bis 1989 fanden alle zwei Jahre die Wintex-Übungen statt, an denen dann 2.000 Vertreter der zivilen und militärischen Spitze des Staates 14 Tage lang unter der Erde den Katastrophenfall durchspielten. Dabei übernahmen Abteilungsleiter der zuständigen Ministerien die Rollen der jeweiligen Minister, des Bundeskanzlers und des Bundespräsidenten und deren Aufgaben im Falle eines atomaren Anschlagszenarios. Vollkommen isoliert von der Außenwelt waren schon diese Übungen psychisch sehr belastend. Nervenzusammenbrüche waren nicht selten, weshalb auch Militärseelsorger an den Übungen teilnahmen. Nicht auszudenken, wie die Situation bei einem tatsächlichen Ernstfall ausgesehen hätte. Und wie es dann um die Regierungs- und Handlungsfähigkeit der Bunkerinsassen bestellt gewesen wäre.

 

Bei einer Führung könnt ihr die bedrückende Atmosphäre hier tief unter der Erde ganz hautnah erleben und die Zeit, als die Militärblöcke in Ost und West einander mit Atomwaffen bedrohten und das atomare Wettrüsten an der politischen Tagesordnung war. Kühl und modrig ist die Luft. Darum denkt auch im Sommer an eine warme Jacke, hier herrschen immer frische 12° Celsius.

Vieles ist noch im Originalzustand zu besichtigen, dazu gehören zum Beispiel ein komplettes Hörfunkstudio oder ein Frisiersalon, in dem man wohl diejenigen, die vor einer Fernsehkamera zur Bevölkerung gesprochen hätten, monitortauglich gepudert hätte. Das vermeintliche Kanzlerprivileg eines Schlafzimmers mit privatem Bad lässt dagegen selbst eine Jugendherberge wie eine 5-Sterne-Unterkunft aussehen. Ob Krankenstation, Duschen zur Dekontamination, die Schlafbereiche oder die Schaltzentrale – alles war perfekt und bis ins kleinste Detail durchgeplant. Selbst für jede Maschine gab es im Bunkerlager das passende Ersatzteil bis hin zur kleinsten Schraube. Schließlich sollte die Bunkerbesatzung hier unten 30 Tage lang vollkommen abgeschirmt von einer möglicherweise atomar verseuchten Außenwelt überleben können. Was allerdings am 31. Tag passieren sollte, darüber wollte man sich wohl keine Gedanken machen.

Ein Besuch im ehemaligen Regierungsbunker ist wirklich lohnenswert und Geschichte zum Anfassen. Trotzdem sind wir nach der wirklich interessanten Führung froh, den Bunker wieder verlassen zu können. Nie war Tageslicht schöner und auch die Ahrtallandschaft ist uns selten so lebendig und malerisch vorgekommen 🙂

Ausblick in den zurückgebauten Tunnel, Dokumentationsstätte Regierungsbunker Ahrweiler
Ausblick in den zurückgebauten Tunnel – hier gibts eine tolle Akustik

Noch mehr Informationen zur Dokumentationsstätte Regierungsbunker Ahrweiler gibt es auf der Seite der Dokumentationsstätte.

Zur Bunkeranlage kommt ihr mit der RB 30 oder RB 39 bis zum Bahnhof in Walporzheim oder zum Bahnhof Ahrweiler-Markt. Von beiden Bahnhöfen sind es knapp 20 Minuten zu Fuß bis zum Regierungsbunker.

Weiterführende Informationen rund um eure Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Richte dein Gesicht immer zur Sonne und die Schatten werden hinter dich fallen. (W.W)