Urkölsch und kunterbunt – Tipps für einen Streifzug durchs Kölner Veedel Ehrenfeld

Streetart Köln Ehrenfeld

Am Kölner Hauptbahnhof oder am Bahnhof Köln Messe/Deutz steigt man ja öfter aus oder um. Der kleine Bahnhof Köln West bekommt meist nicht so viel Aufmerksamkeit. Für unseren Ausflugstipp heute ist er mit seiner Lage an der Venloer Straße am Rande des Belgischen Viertels aber genau der richtige. Denn wir wollen euch zu einem Streifzug durch den Kölner Stadtteil Ehrenfeld einladen, den ihr vom Bahnhof Köln West aus prima starten könnt.

Ehrenfeld beginnt westlich des Grüngürtels und war früher ein stark industriell geprägtes Stadtviertel Kölns, in dem vor allem viele Arbeiter lebten. Seit den 1960er- Jahren wurde der Stadtteil mit dem Zuzug vieler türkischer, italienischer oder spanischer Mitbürger kulturell und auch kulinarisch 🙂 bunter. Dazu machten die niedrigen Mieten das Viertel für Studenten und Künstler attraktiv. Aber wie es so oft geht: Inzwischen gehört Ehrenfeld zu den angesagtesten Vierteln der Stadt, die Mieten sind gestiegen, und die Gentrifizierung hat auch um Ehrenfeld keinen Bogen geschlagen. Hier zu wohnen, ist für viele hip (die Barbershop-Dichte spricht Bände). Daneben gibt es aber auch viele »Ur-Einwohner« Ehrenfelds, die hier seit ihrer Geburt leben und sich nicht vorstellen können, jemals irgendwo anders zu wohnen. Wenn ihr also Lust auf eine bunte Tour habt, steigt doch mal am Bahnhof Köln West aus und taucht nach wenigen Zu-Fuß-Minuten in ein lebendiges Multikultiviertel ein.

Wenn ihr am Grüngürtel vorbeispaziert seid (es sei denn, ihr seid jetzt schon reif für eine kleine Pause und nehmt eine Auszeit auf der Wiese oder Parkbank), ist eines der neuesten und größten Baudenkmäler Ehrenfelds nicht zu übersehen. Gleich an der Kreuzung zur Inneren Kanalstraße steht die große Zentralmoschee. Mit ihrer riesigen Kuppel, der großen Freitreppe und den zwei Minaretten (55 m hoch) ist sie schon von außen ein absoluter Hingucker. Im Inneren empfängt die Besucher ein mehr als 2.000 m² gigantisch großer, reich verzierter Gebetsraum im Kuppelsaal. Auch Nichtmuslime sind willkommen und können sich die Räume anschauen. Tipp: Wenn ihr Zeit habt, besucht doch mal eine der öffentlichen Führungen. Die finden immer mittwochs und freitags um 15.00 Uhr statt und dauern eine gute Stunde.

Übrigens schleicht sich auf viele Außenaufnahmen ein scheinbar dritter Minarettturm hinzu, das ist der Colonius – der Fernsehturm von Köln. In Nordrhein-Westfalen ist er der höchste, aber leider ohne Aussichtsterrasse oder -café und nicht zu besichtigen.

Wenn ihr die Venloer weiter entlangspaziert und euch etwas links haltet, geht es baugeschichtlich gleich interessant weiter. Über Ehrenfeld wehte früher der Duft von Echt Kölnisch Wasser. Auf dem Unternehmensgelände von »4711« wurde der Klassiker unter den Erfrischungswässerchen (nur äußerlich :)) in Flakons gefüllt. Heute sind hier Büros, Agenturen, Arztpraxen und Wohnungen untergebracht. Schlendert einmal quer und genießt die schönen Fassaden in den Unternehmensfarben türkis und gold.

In den benachbarten schmalen Seitenstraßen findet ihr viele kleine Läden, liebenswerte Cafés und stylishe Bars, die Ehrenfeld besonders bei jungen Leuten total beliebt machen. Bei »Polyestershock« in der Geisselstraße gibt’s zum Beispiel angesagte Second-Hand-Mode, in den »Hängenden Gärten« könnt ihr eure Drinks unter einem Deckenhimmel aus Tausenden von rosenroten Blumen nehmen oder im urigen »Lizbät« eine unglaubliche Vielzahl von Crêpes entdecken.

Bevor ihr auf die andere Seite der Venloer Straße wechselt, solltet ihr nicht das Neptunbad verpassen. Diese Jugendstilperle eröffnete bereits im Jahr 1912 als erste neuzeitliche Badeanstalt in einem Kölner Vorort und ist heute eine Wellness-Oase mit Saunalandschaft, Spa und Zen-Garten. Jeden Freitag findet vor dem Bad der Wochenmarkt statt.

Wenn ihr euch rund ums Neptunbad umgeschaut habt, könnt ihr nach dem Wechsel auf die gegenüberliegende Straßenseite der Venloer die vielleicht meistbesprochene Straße Ehrenfelds besuchen: die Körnerstraße. Vom umtriebigen Unverpackt-Laden des Viertels, dem »Veedelskrämer«, über Vintage-Möbelläden mit Retro-Shabby-Chic-Mobiliar bis zu kleinen Boutiquen, die vieles im Angebot haben, was besonders das Ehrenfelder Leben stilvoller macht, findet ihr hier alles.

Solltet ihr langsam nicht nur fußmüde, sondern auch hungrig und durstig geworden sein, habt ihr die Qual der Wahl. Es gibt kaum eine Nationalität, deren Küche ihr in Ehrenfeld nicht probieren könnt. Vielleicht wollt ihr heute aber gar nicht zu einer kulinarischen Weltreise antreten, sondern mögt es lieber einfach klassisch. Dann könnten alle, die sich schon langsam auf den Rückweg machen wollen, bei »Zeit für Brot« auf ehrliche Stullen setzen, und alle anderen, die noch ein bisschen weiter schlendern wollen, den lauschigen Biergarten im »Herbrand’s« besuchen. Hier sitzt ihr gemütlich unter Bäumen und die Schnitzel genießen auch über die Veedelsgrenzen hinaus einen guten Ruf.

Gleich nebenan liegt mit dem »Cinenova« übrigens das größte Programmkino von Köln, in dem ihr Arthouse-Filme, aber auch den einen oder anderen Blockbuster sehen könnt. In den Sommermonaten gibt’s viele Filme auch open air.

Wahrscheinlich sind euch bei eurem Spaziergang durch die Straßen und Sträßchen von Ehrenfeld auch schon einige der wirklich tollen Kunstwerke an Mauern und Fassaden begegnet. Kein Wunder, das Viertel gilt als eine Art Street-Art-Hochburg in Köln. Gleich in der Nähe des Bürgerzentrums an der Venloer Straße könnt ihr viele Murals (Wandgemälde) entdecken, von denen einige auch die Wurzeln und die Geschichte des ehemaligen Arbeiterviertels in großformatige Bilder fassen. Und auch in der Nähe des Heliosturms, eines Leuchtturms, der nur so aussieht, als sei er einer, tatsächlich aber niemals diese Funktion erfüllt hat, findet ihr bunte Mauern.

Lasst euch einfach treiben, dann werdet ihr an vielen Ecken, Hauswänden oder Sicherungskästen auf tolle Straßenkunst stoßen.

Wenn der Tag dunkler wird und die Lichter angehen, beginnt Ehrenfeld zu leuchten und wird zu einem wahren Partyviertel mit angesagter Clubszene, vielen Konzertlocations und Off-Theaterbühnen. Aber das schaffen wir heute wirklich nicht mehr. Asphalttreten macht doch ganz schön müde. Fürs Ehrenfelder Veedel gilt aber in jedem Fall: ein Viertel mit vielen Facetten und offenen, herzlichen Menschen, die eines der Kölner Grundgesetze Tag für Tag aufs Neue leben: Jeder Jeck ist anders.

Der Bahnhof Köln West (ein Halt auf der vareo-Eifelstrecke) liegt direkt an der Venloer Straße. Wenn ihr diese Multikultimeile stadtauswärts lauft, kommt ihr einmal quer durchs Viertel. Natürlich die kleinen Seitenstraßen links und rechts nicht vergessen, in denen sich das Veedelsleben hauptsächlich abspielt.

Weitere Informationen zu eurer Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

Verfasst von

Richte dein Gesicht immer zur Sonne und die Schatten werden hinter dich fallen. (W.W)