Ein Ausflug mit Power! Das Kraftwerk Ermen & Engels in Engelskirchen

Zwirnereigebäude der ehemaligen Baumwollspinnerei Ermen & Engels, Engelskirchen

 

Diesmal ist es vom Bahnhof aus wirklich nur ein Katzensprung bis zu unserem Ziel. Denn es sind weniger als 5 Minuten zu Fuß, bis wir unser Ziel, das Kraftwerk Ermen und Engels in Engelskirchen erreichen. Das Kraftwerk ist eines von insgesamt 7 einzelnen Standorten, die  zusammen das „LVR-Industriemuseum“ bilden. Unter anderem gehört auch die alte Tuchfabrik Müller in Euskirchen dazu, zu der ihr hier auf dem Blog auch einen Bericht lesen könnt.

Allen sieben Museen gemeinsam ist, dass sie an authentischen Orten von der Industrialisierung und dem harten Arbeitsalltag in den verschiedenen Fabriken anschaulich berichten. Also ist das heute ein bisschen wie im Film: Wir sind am Originalschauplatz 🙂

Das gesamte Fabrikgelände steht unter Denkmalschutz (so konnte es zu Beginn der 1980er Jahre vor dem drohenden Abriss bewahrt werden) und bei einem Gang über den Fabrikhof fühlt man sich in vergangene Zeiten zurückversetzt. Gesponnen wird in der Baumwollspinnerei allerdings schon lange nicht mehr. Das Unternehmen musste 1979 im Rahmen des allgemeinen Niedergangs der Textilindustrie im Bergischen Land und aufgrund rückläufiger Auftragszahlen seine Pforten endgültig schließen.

Und auch der Fokus des Museums ist heute ein anderer als noch zu Zeiten seiner Eröffnung. Im Gebäude der ehemaligen Zwirnerei steht nicht mehr die Geschichte der Textilindustrie im Mittelpunkt, sondern das Thema »Strom«. Im  Fabrikkeller der historischen Baumwollspinnerei Ermen & Engels – übrigens um 1840 von Friedrich Engels sen., dem Vater des gleichnamigen berühmten Sozialisten und Begleiters von Karl Marx, gegründet – entstand um 1900 am Ufer des Flüsschens Agger eines der ersten Wasserkraftwerke der Region.

 

 

Der Abstieg in den Turbinenkeller ist ein ganz besonderes Erlebnis. Halbdunkel ist es hier im Turbinenraum, blaues Licht sorgt für eine geheimnisvolle Atmosphäre und die Kraft des Wassers ist unmittelbar zu hören und zu spüren. Und das ist die des Flüsschens Agger. Die Funktionsweise war so einfach wie effektiv: Das Wasser floss auf die Turbinen, die ein großes Schwungrad im Nebenraum antrieben. Das Rad wiederum setzte einen Generator in Gang, der den Strom erzeugte. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auf diese Weise der Strom für die nun elektrisch betriebenen Maschinen erzeugt.

Zuvor behalf man sich mit der Dampfkraft. Hatte das Flüsschen Agger mal zu wenig Wasser, um für ausreichend Strom zu sorgen, stand ab 1856 zusätzlich eine Reihe von Dampfkesseln als »eiserne« Reserve zur Verfügung. Als dann um die Jahrhundertwende stromerzeugende Generatoren dazukamen, konnte Strom in ganz neuen Dimensionen erzeugt werden. Jetzt reichte der Strom nicht nur für die Fabrik und ihre Spinnmaschinen, sondern auch für de Versorgung der Fabrikantenvilla und für ganze Ortsteile von Engelskirchen. Überliefert ist, dass die Engelskirchener damals staunend feststellten: »Der Engels macht den Strom«. Und man munkelte, dass in Engelskirchen schon eher als in so mancher Großstadt Laternen im Dunkeln leuchteten.

Wie der Strom in der Fabrik, im Wohnhaus des Fabrikanten und in Engelskirchen verteilt wurde, veranschaulicht die große Stromverteilerwand (eine Art Riesen-Schalttafel) im Stockwerk über dem Turbinenkeller. Bis 1924 versorgte das fabrikeigene Elektrizitätswerk ganz Engelskirchen mit Licht- und Motorenstrom; dann war man bei der Stromerzeugung und -versorgung auf Unterstützung angewiesen. Den zusätzlichen Bedarf deckte das E-Werk aus dem benachbarten Dieringshausen ab.

 

Wenn ihr euch auch dafür interessiert, wie die Wasserkraft in Strom umgewandelt wurde und wie die zunehmende Industrialisierung und Elektrisierung das Arbeitsleben und den häuslichen Alltag der Menschen verändert haben, seid ihr hier im LVR-Industriemuseum genau richtig. Aber aufgepasst: Das Museum erwacht erst am 4. April 2020 wieder aus seiner alljährlichen Winterpause, die immer von Ende Oktober bis zum April des Folgejahres dauert. Auch der »Oelchenshammer«, der letzte funktionsfähige wasserbetriebene Schmiedehammer im Oberbergischen Land, der vom Museum in einem Seitental der Agger betrieben wird, erwacht dann wieder zu neuem Leben. Jeden Sonntag (vom 05.04.2020 bis zum 25.10.2020) finden dann dort Führungen und Schmiedeaktionen statt.

 

 

Und für alle, die außerhalb der Öffnungszeiten des Museums auf Entdeckungstour gehen möchten, ist der digitale Denkmalpfad eine prima Alternative. Der hat immer geöffnet, ist gratis und mit einem internetfähigen Handy könnt ihr hier eine ganze Menge erleben. Über Infotafeln mit QR-Codes erschließt ihr euch die vielen Themen und Infos rund um den Standort und seine Geschichte. Von den Produktionsabläufen in der Fabrik, über die Kinderarbeit im 19. Jahrhundert bis zum schwierigen Verhältnis von Friedrich Engels jun. und sen. Übrigens, es gibt noch ein großes Plus, das auch Kindern den Besuch schmackhaft machen kann: Geocaching. Auf dem Gelände ist ein Multicache versteckt, zu dem ihr über das Lösen verschiedener Rätsel finden könnt. Und die Aussicht auf eine spannende Schnitzeljagd 2.0  kann das Reizwort »Museum« bei manchen Kids bestimmt ein bisschen entschärfen 🙂
Noch mehr Infos zum Museum gibt es auf der museumseigenen Website.

 

Zum LVR-Industriemuseum Ermen & Engels kommt ihr mit dem vareo-Zug (RB 25) auf der Oberbergischen Strecke. Vom Bahnhof in Engelskirchen sind es nur wenige Fußminuten bis zum Museum.

Weiterführende Infos rund um eure Reise mit dem vareo-Zug findet ihr hier.

 

Copyright Titelbild: LVR-Industriemuseum

 

 

Verfasst von

Richte dein Gesicht immer zur Sonne und die Schatten werden hinter dich fallen. (W.W)